Georg Seeßlen: David Lynch und seine Filme
31.05.2007
Rhapsodie der Hyperrealitäten
Das Lynch Universum: Eine straighte Story oder warum kalifornische Highways von Abgründen umgeben sind
Dachte man mit den Doors noch, die es wiederum von Blake oder Timothy Leary hatten, es genüge mit etwas Pot oder Rockmusik bewaffnet, eine Tür zu einem anderen Bewußtsein zu durchschreiten, um ein neuer Mensch zu werden oder eine interessantere Welt zu entdecken, weiß man bei David Lynch, die Öffnungen zu anderen Welten und Wahrnehmungen sind so vielfältig wie diese selbst. Und sie können jederzeit die Rauhfaser deines Wohnzimmers zerreißen, um dich verloren auf einem unbekannten Highway zurückzulassen. Wenn man dort von einer bizarr geschminkten Gestalt, die aussieht wie der kürzlich verstorbene Nachbar, angesprochen wird, kann man halbwegs sicher sein, sich im Lynch Universum zu befinden. Zugleich bleibt eine gewisse Unsicherheit bestehen, ob man in diesem Universum nicht von Klischees verspottet wird. Georg Seßlen spürt in der Neuauflage seines David Lynch-Portraits den wahren und möglichen Lynchismen nach, die um den Regisseur im Umlauf sind.
Diese liebevolle nach dem Erschaffer einer Filmwelt auf schwankenden Pfählen benannten Charakteristika markieren eine Topografie, die ihren genauen geografischen Angaben zum Trotz nur schlecht verortbar ist. “Mulholland Drive” und “Inland Empire” sind reale kalifornische Landmarken. Die nach ihnen benannten Filme verweigern sich jedoch einer genauen Bestimmung, und die der Location ist da nur eine von vielen möglichen.
Die Methode Lynch steht für ein System der Kontraste, in der Abweichungen die Regel sind, Bild und Sprache nicht unbedingt harmonieren und Konventionen von der Stange einer Haute Cuture des kreativen Experiments weichen. Paralleluniversen sind hier Kinderkram. Jede Parallele wird tausendfach gebrochen. Das führt wohl dazu, dass man in Lynchville noch stärker nach Regeln suchen muß, damit sich die instabilen Straßen, die nur fragmentarische Erkenntnisse bieten, irgendwie festigen. Seßlen bietet hier Anhaltspunkte, um die cyclischen Traumwelten Lynchs zu decodieren. Nicht nur für Fans sind seine Überlegungen interessant. Lynch, dem an Hand seines letzten Filmes “Inland Empire” vorgeworfen wurde, nur noch digitalen mindfuck zu betreiben, ist es wahrscheinlich egal, ob man ihn für einen postmodernen Filmemacher mit autobiografischen Ansätzen oder einen ernsthaften Künstler hält. Jemand, der mit einer Kuh zum Hollywoodboulevard geht, um dort für die Oscartauglichkeit seines Filmes zu werben oder der die Autobiografie eines realen Sonderlings in einen schlichten, aber bezaubernd linearen Spielfilm (“Straight Story”) faßt, hat mehr Humor, als es die Regeln zu lassen.
Man kann Lynch lieben oder hassen. Vermutlich werden ihn frei nach Amazon diejenigen lieben, die auch Transzendentale Meditation, Laura Dern oder blauen Samt mögen. Aber da kann man nie sicher sein, weil man nicht weiß, welche Rätsel und Sprünge hinter der Tapete des eigenen Bewußtseins lauern.
Maggie Thieme
Georg Seeßlen: David Lynch und seine Filme. Marburg, Schüren Verlag 2007 6. erweit. und überarb. Auflage 280 Seiten 19,90 EUR ISBN-13: 978-3-89472-437-5
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