Der Edition Nautilus kommt zweifellos das Verdienst zu, Franz Jung eine 14-bändige Werkausgabe gewidmet zu haben, die sein facettenreiches Oeuvre wenigstens vorläufig vor dem Vergessen retten mag. Andererseits reproduziert der engagierte Hamburger Verlag auch ein in erster Linie außerliterarisches Bild von Jung, das seit fast 100 Jahren durch die Köpfe und Gazetten wandert. Potentiellen Leserinnen und Lesern wird er als „expressionistischer Dichter, Dada-Trommler, Freiwilliger und Deserteur des 1. Weltkriegs, Aktivist des Spartakusbundes, Mitbegründer der KAPD, Vagabund, Schiffsentführer, Leiter einer russischen Zündholzfabrik, Wirtschaftsanalytiker und Börsenspekulant“ angepriesen. Das klingt nach einer perfekten Mischung aus Graf Luckner und Stefan George, sagt über die ästhetische Qualität des Jungschen Werkes allerdings ebenso wenig aus wie über dessen Rezeption und Stellenwert in der Literaturszene des 20. Jahrhunderts.
Eine neue Publikation des Aisthesis Verlags hilft da entscheidend weiter. Walter Fähnders und Andreas Hansen haben mehr als 300 Rezensionen gesammelt, die Jungs schriftstellerische Arbeiten von der ersten, 1912 erschienenen Novellensammlung Das Trottelbuch bis zur „Torpedokäfer“-Autobiographie, die 1961 unter dem Titel Der Weg nach unten veröffentlicht wurde, begleiteten. Aufschlussreich ist dabei nicht nur das Spektrum der rezensierenden Presseorgane, das vom „Berliner Börsen-Courier“ bis zur „Roten Fahne“ reicht, oder die Namhaftigkeit der sich um Jung bemühenden Kritiker wie Max Herrmann-Neisse, Oskar Loerke oder Robert Musil, sondern auch die gelegentliche Unschärfe der kritischen Auseinandersetzung. Im „literarischen Echo“ bemängelt Jakob Elias Poriotzky die „stillose Widerwärtigkeit“ des Trottelbuches, um sich zwei Sätze später über die „Stilwildnis“ des Autors zu beschweren. Ähnlich gelangweilt wird Jungs Schauspiel Heimweh in Prag und München 1928 als „blutloses Literatenstück“ oder einschläferndes Produkt „eines für andere als dramatische Zwecke begabten Menschen“ abgetan. Selbst Kurt Kerstens Rezension der Autobiographie wirkt allenfalls hilflos, und man versteht nicht so recht, warum sie Jung selbst für die „bösartigste“ von allen hält.
Aus den eigenen politischen Reihen erfährt der Autor dagegen aufmunternde, wenn nicht begeisterte Unterstützung. Dass Teile der Linken in ihm einen politischen und/oder künstlerischen Hoffnungsträger sehen, während die Gegenseite offenbar davon ausgeht, dass Jung – von gelegentlichen Extravaganzen abgesehen – keine besondere Gefahr darstellt, lässt sich nach dieser Lektüre wohl nicht von der Hand weisen. Über seinen künstlerischen Rang und die tatsächliche politische Brisanz seiner Werke sagt das wenig aus, weckt aber gerade deshalb die Neugier, sich erneut mit ihnen auseinander zu setzen. Das mag letztendlich auch das Ziel dieser arbeitsintensiven Publikation sein, deren Nachwort Fähnders und Hansen mit einem bemerkenswerten Jung-Zitat abschließen:
„Ich habe doch an dem Ausdruck und der Sprachkonstruktion gearbeitet und nicht diese Kulturpäpste und Richter‘. Ein Grundsatz: die Arbeit bleibt und niemals die Beurteilung – diese ändert sich bekanntlich, selbst nach Marx.“
Thorsten Stegemann
Vom Trottelbuch zum Torpedokäfer. Franz Jung in der Literaturkritik 1912–1963, herausgegeben von Walter Fähnders und Andreas Hansen. Aisthesis Verlag. 50 Euro