Den Biografen Jürgen Trimborn beeindruckt „die Aufmerksamkeit und Offenheit, mit der Johannes Heesters mir begegnet. Es ist keineswegs so, dass er sich nur für sich interessiert, nur über sich sprechen will – wie es gerade bei älteren Schauspielern nicht selten der Fall ist. Im Gegenteil. Heesters erkundigt sich immer wieder neugierig nach meinem Leben, meinen Jahren an der Universität sowie den anstehenden Buchplänen.“ Das ist schön für Jürgen Trimborn, fast so schön wie der herzerwärmende Umstand, dass ihm „Jopie“ zu guter Letzt noch das „Du“ anbietet. Denn auch über diese menschliche, ach so bezeichnende Geste muss der 32jährige seine Leserinnen und Leser natürlich in Kenntnis setzen.
Dass Trimborn vor lauter Begeisterung für sein bald 100jähriges Untersuchungsobjekt überhaupt noch Zeit gefunden hat, ein 500 Seiten starkes Buch zu schreiben, verdiente eine ähnlich ausufernde Bewunderung, wenn da nicht jene enervierende Distanzlosigkeit wäre, die das Vertrauen in die Objektivität der Darstellung untergräbt.
Freilich hat der Autor beim Wettstreit um die devoteste Annäherung keine echte Chance gegen Hellmuth Karasek. In dessen Kindheitserinnerungen, die das Buch zusammen mit mühsam aufpolierten, aber politisch korrekten Mannesworten einleiten, reiht sich eine verbale Ausfallerscheinung an die nächste: „Für mich avancierte er zum Ideal: ein strahlend schöner Mann, ein Bonvivant, ein Eroberer. Ja, ein Eroberer – aber einer weiblicher Herzen. Der Krieg, den er führte, wurde im Salon geschlagen, seine Waffen waren der Rosenstrauß und das Champagnerglas, in dem die Lebenslust perlte. Seine Waffen waren sein blendendes Aussehen, sein umwerfendes Lächeln, seine vollendeten Manieren und – seine bald hell strahlende, bald zart schmeichelnde Stimme. Er war ein Tenor, der auch noch gut aussah: (...).“ Unglaublich? Stimmt, aber trotzdem steht es da, und beschreibt ausdrücklich nicht nur die Eindrücke des kleinen Karasek, der immerhin noch nichts dafür konnte: „So sah es mein kindliches Gemüt, ich war um die zehn Jahre alt, und der Eindruck sollte sich als bleibend, als prägend herausstellen.“
Das alles ist umso bedauerlicher als Jürgen Trimborn – wie schon bei seiner Aufsehen erregenden Biografie über Leni Riefenstahl – erneut eine umfangreiche, hervorragend recherchierte und stilistisch akzeptable Lebensbeschreibung gelungen ist. Doch auch wenn die Kapitel über die zwielichtige Rolle von „Hitlers Danilo“ im Dritten Reich, insbesondere das über den bis heute umstrittenen Heesters-Besuch im KZ Dachau, nicht gerade durch Verharmlosung auffallen, kommen sie im Verlauf der allgemeinen Legendenverehrung nicht über ein hilfloses Achselzucken hinaus. So ist das eben bei den Rühmanns, Riefenstahls und Heesters. Aber vielleicht müsste es nicht so sein, wenn Verlage und Autoren den langlebigen Ikonen mit sachdienlicher Respektlosigkeit begegnen würden. Ein schnörkelloser Buchtitel wäre im Fall Heesters jedenfalls schon mal ein guter Anfang gewesen ...
Thorsten Stegemann
Jürgen Trimborn: Der Herr im Frack. Johannes Heesters. Aufbau-Verlag, 528 S., 24,90 ¤