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Rüdiger Schaper: Moissi

20.02.2004

 
Ein Leben wie ein Roman

Rüdiger Schaper macht eine Figur wieder lebendig, die gerade ein paar Jahre zu früh gelebt hat bzw. zu früh gestorben ist, um durch Film- und Tonaufnahmen unsterblich zu sein. Was würde ich nach Lektüre dieses Buches darum geben, Moissi ein einziges Mal als Hamlet zu sehen.


 

Zu Beginn ein Geständnis: Nachdem ich die Versandtasche geöffnet hatte und das Buch mit diesem faszinierenden Kerl mit dem seltsamen Blick auf dem Umschlag herausnahm, wusste ich mit dem Namen gar nichts anzufangen: Moissi. Eine Schauspielerlegende, dachte ich, von der ich noch nie gehört hatte?

Vielleicht keine schlechte Voraussetzung, eine Biografie über jemanden zu lesen, den man gerade erst kennen lernt. Mit jeder Seite eine wenig mehr. Ich falle förmlich in die Geschichte Moissis. Denn Rüdiger Schapers Buch ist weit mehr, als eine herkömmliche Biografie, stelle ich bald fest. Vielmehr liest sie sich wie ein Roman. Ein ausgezeichneter noch dazu. Was, neben Schapers fesselndem Schreibstil, natürlich daran liegt, dass die Lebensgeschichte von Alexander Moissi unheimlich viel hergibt.
Moissi wird am 2. April 1879 als 10. Kind eines albanischen Reeders und einer Arzttochter aus Florenz in Triest geboren. Mit 15 wird er von seiner Mutter zu einem entfernt verwandten Pfarrer nach Graz (Österreich) geschickt, da sie an seiner jahrelangen schulischen Misere verzweifelt. Einige Jahre später, nach dem Hinauswurf aus dem Konservatorium, entdeckt Moissi seine Leidenschaft fürs Theater. Ein Bekannter aus dem Konservatorium vermittelt ihm eine Stelle als Burgtheater-Statist. Moissi will natürlich mehr: Mit seiner südländisch singenden, stark akzentuierten Aussprache bewirbt er sich am Burgtheater um die Schauspielausbildung. Am 1. Dezember 1899 rezitiert er vor dem Regiekollegium. Die Reaktion der Burgtheater-Herren fällt eindeutig aus: Zum Schauspieler nicht geeignet. Noch härter, vernichtend klingt das Urteil nach einer anderen Überlieferung aus dieser dunklen Zeit: Zum Schauspieler nicht befähigt. Moissi, der zu dieser Zeit schon an einem “Schatten” auf der Lunge leidet, ist übrigens sein ganzes Leben, diese unglaubliche Karriere lang, nie Mitglied des Wiener Burgtheaters.
Erstes Aufsehen erregt der Schauspieler an einem “Provinztheater”- nämlich am Deutschen Theater in Prag: Dieser Moissi fällt auf, mit seiner “eigenartigen Aussprache”, seinem Temperament und Instinkt. Man findet ihn “outriert”, dann wieder “eindringlich”, wundert sich über das “nasale Timbre seines Organs”.

Dass sich für Moissi der große Erfolg noch einstellen soll, kann man allerdings immer weniger glauben. Denn auch sein nächstes Gastspiel, bei der Deutschen Volksbühne in Berlin, wird von den Kritikern nicht wirklich mit Lob überschüttet, schon eher mit dem Gegenteil: Ein Schauspieler, der so gar nichts kann, von so unangenehmer, nichtiger Erscheinung, der keinen Ton in der Kehle hat, nicht deutsch spricht, wie eine Marionette mit Kopf, Armen und Beinen um sich schlenkert, in einer Liebhaberrolle – das ist noch nicht gesehen worden. Hämischer geht es gar nicht mehr.

Doch der Schauspieler macht auf sich aufmerksam und Maximilian Harden, der Herausgeber der politischen Wochenschrift “Die Zukunft” empfiehlt ihn Max Reinhardt. Das ist gleichsam der Startschuss für jene Karriere, die Moissi (neben Caruso, Valentino und Nijinski) bald in den Status eines Popstars erhebt. Seine Tourneen führen ihn nach New York, Moskau, Paris und Rio. Seine Glanzrollen sind der “Hamlet”, der “Oswald” in Ibsens “Gespenstern” und “Fedja” in Tolstois “Lebendem Leichnam”.

Rüdiger Schapers Biografie lässt keinen Lebensabschnitt Moissis im Dunkeln, so schildert sie u. a. auch, wie der Italiener bzw. Österreicher, der zu diesem Zeitpunkt so gerne Deutscher wäre für Deutschland in den (1. Welt-) Krieg zieht. Ein weiteres Kapitel befasst sich mit Moissi als Dramatiker. Eines mit den seltenen Auftritten im Film.
Der 22. März 1935. Moissi bittet um Schreibzeug. Er schafft es, sich im Bett aufzurichten. Er schreibt. Drei Worte, unleserlich, die Feder sinkt auf die Decke. Liebe oder Lieber, könnte der Anfang lauten, der Anfang eines Briefs, dann flieht die Handschrift auf dem Papier. [...]

Moissi ist tot. Am Abend des 22. März, um sieben Uhr und zehn Minuten, ist er gestorben. Die Zeitungen in Wien, Berlin, in Rom und Mailand bringen die Nachricht auf der ersten Seite.

Rüdiger Schaper macht eine Figur wieder lebendig, die gerade ein paar Jahre zu früh gelebt hat bzw. zu früh gestorben ist, um durch Film- und Tonaufnahmen unsterblich zu sein. Was würde ich nach Lektüre dieses Buches darum geben, Moissi ein einziges Mal als Hamlet zu sehen.


Mike Markart



Rüdiger Schaper: Moissi. Argon Verlag. Biografie. 256 Seiten. DEM 39,80. ISBN 3-87024-513-1

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