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Johannes Willms: Balzac. Eine Biographie

13.03.2008

Doppelte Buch-Führung

Keiner hat wohl je von den großen Autoren der Weltliteratur so sehr daran geglaubt, mit seinem Gänsekiel Millionär zu werden als Honoré de Balzac. Johannes Willms hat Balzacs vielfältiges Unternehmertum biographisch nach- & hochgerechnet. Von WOLFRAM SCHÜTTE

 

Rowohlt in den Zwanziger-, dann noch einmal der gleiche Verlag in den Fünfziger- und schließlich in den Achtziger Jahren bei Diogenes als Taschenbücher: es ist viel unternommen worden, die 41bändige “Comédie humaine” auf deutsch heimisch zu machen. Philologisch entsprach diese immer wieder aufgelegte, von dem Verleger Ernst Rowohlt einst initiierte deutsche “Gesamtausgabe” der erzählerischen Werke Honoré de Balzacs nicht immer den erwünschten Standards (Es wurde auch gekürzt). Aber antiquarisch wird sie in keiner ihrer identischen Ausgaben mehr angeboten. Sie ist in Privatbibliotheken verschwunden.

Jedoch wird man nicht behaupten können, der große französisches Autor (1799/1850) sei als Klassiker unter den Lesenden & Schreibenden in Deutschland präsent, wenn auch viele seiner Hauptwerke immer verfügbar waren. Wahrscheinlich ist sein 16 Jahre älterer Kollege Stendhal uns mit seinen zwei großen publizierten Romanen “Rot und Schwarz” und “Die Kartause von Parma” (nicht zuletzt dank der Neuübersetzungen Elisabeth Edls) gegenwärtig viel näher, als Balzac, der in einem einzigartigen Akt der Großzügigkeit, seinen Zeitgenossen Stendhals “Kartause“ mit glühender Begeisterung (und kollegialer Kritik an Stendhals “Flüchtigkeitsfehlern”) ans Herz gelegt hatte. Wo dieser von der “Happy few” und der Nachwelt adäquate Resonanz für seine Romane erwartete, träumte der unermüdlich schreibende Balzac immer von der Eroberung der größtmöglichen Zahl von Lesern: erst in Frankreich und dann in Europa.

Dabei ist Balzac als Seismograph und Chronist des Bürgertums, des kontinentaleuropäischen Kapitalismus und der von ihm geprägten Charaktere & ihren gesellschaftlichen Maskierungen ein literarischer Historiker, dem gerade in unserer Zeit eine erstaunliche Aktualität zugewachsen ist - auch im Hinblick auf die Verwerfungen & Korrumpierungen des Journalismus & des Literaturbetriebs. Und der titanische Autor war selbst in allen Phasen seines Lebens und allen Fasern seiner Existenz ein Kind seiner Zeit & deren rücksichtsloser Dynamik des Lebens & Handelns.

Die Balzac-Biographie, die der Frankreich-Korrespondent des Feuilletons der Süddeutschen Zeitung, Johannes Willms, nun im Diogenes-Verlag veröffentlicht hat, dient dem Verlag als aktueller Begleitschutz einer weiteren 8bändigen Auswahl von Romanen & Erzählungen Balzacs, die in schöner Ausstattung Glanzstücke samt Begleittexten berühmter literarischer Bewunderer des Franzosen in einer Kassette sammelt - darunter auch ein Balzac-Porträt des Belgiers Georges Simenon, der es gewiss nicht nur an Umfang, sondern auch durch die Einsicht in das menschliche Leben und seine (kriminellen) Abgründe mit dem natürlich noch größeren Franzosen aufnehmen kann.

“Hätte er seine Biographie geschrieben, wäre sie der Schlussstein im unvollendeten Gebäude der 'Comédie humane' geworden”, behauptet Johannes Willms nach einem Drittel seines biographischen Versuchs, der unausgesprochen, also zumindest mit gehöriger Bescheidenheit, seinen “Schlussstein” zu einem Epitaph auf den Menschen Balzac hier vorgelegt hat, indem der deutsche Biograph: “das Leben eines Stehaufmännchen, eines Seiltänzers, der immer wieder abstürzt, sich aufrappelt, das Seil wieder betritt, um erneut zu stürzen”, im Verlauf von 350 Seiten uns vor Augen stellt.

Tragödie eines Wunschkapitalisten ohne Kapital

Es hätten wohl gut & gern 100 Seiten weniger sein können, wenn Willms es nicht geliebt hätte, selbst so etwas wie einen Lebensroman Balzacs zu schreiben, indem er dessen psychologische und ökonomischen Kenntnisse auf die monströse Tragikomödie eines arbeitswütigen, ehrgeizigen, ebenso skrupellosen wie larmoyanten, sowohl großkotzigen als auch kleinkarierten Aufsteigers anwendete, “der durch die Lektüre seiner eigenen Werke mühelos hätten wissen können”, wie Willms einmal ironisch schreibt, dass für die Vielzahl seiner “genialen” Pläne, “todsicheren” Geschäfte und wahnwitzigen Spekulationen “in erster Linie Kapital nötig war”.

Und eben das hatte er selbst nicht, so dass er von früh an einen stetig wachsenden Schuldenberg aufhäufte, den er auch durch den vielfachen Verkauf seiner gleichzeitig sich daneben akkumulierenden Werke nicht mehr hätte abtragen können - wären dem sich selbst betrügenden Hasardeur nicht sein ganzes Schriftsteller-Leben über die Familie, Freunde, vor allem Frauen (ob hetärische oder platonische Geliebte) immer wieder mit beträchtlichen Summen vorübergehend zur Hilfe gekommen, um seinem Ziel, auf gleicher luxuriöser Höhe wie die Reichen seiner Zeit zu leben & vor allem zu repräsentieren, näher zu kommen, ohne es doch endlich zu erreichen.


Allein auf der Walstatt des Jahrzehnte währenden brieflichen Kampfes, bei der zuerst noch verheirateten, dann verwitweten, jedenfalls reichen russischen Adligen Eveline Hanska den alles & vor allem ihn errettendenden Ehehafen zu erreichen, finden sich 414 Schreiben im Umfang eines Viertels der “Comédie humaine” - also ein veritabler Eroberer-Roman im einundfünfzigjährigen Lebens- & Sterbensroman Balzacs.

Johannes Willms, der vor allem sich auf die gewaltige Korrespondenz Balzacs stützt, um “unserem Helden” auf die Sprünge und die (betrügerischen & lügnerischen) Schliche zu kommen, ist ebenso fasziniert wie abgestoßen von der Lebensgeschichte des “großen Kinds” und seiner “größten Fähigkeit, sich selbst etwas vorzumachen, an das er dann felsenfest glaubte und mit der Wirklichkeit verwechselte”. Diesem Ceterum censeo folgen detaillierte Belege en masse & en détail, weil wohl kein Autor davor und danach sich wie Balzac als Unternehmer seiner selbst derart real (& zugleich irreal) auf die Gewinnung von materiellem Reichtum durch Markteroberungen eingelassen hat.

Manchmal denkt man, Stendhal habe seinen - gleich Balzac - aus der Provinz in die Metropole Paris aufgestiegenen Julien Sorel nach diesem realen Vor-Bilde geformt. Aber zum einen kannten sich die beiden persönlich zu wenig, zum anderen ist Stendhals nachnapoleonischer Aufsteiger-Held, trotz aller seiner raffinierten Listen und kalkulierten Winkelzüge, ein Waisenknabe gegenüber Balzacs katastrophalem wirtschaftlichen Abenteurertum. Ob der Schöpfer von 1000 Figuren aber, wie er mehrfach beteuert und sein Biograph ihm glaubt, seine “Literaturfabrik Balzac” (Willms) aufgegeben hätte, wenn er damit oder durch “eine reiche Heirat” einen großbürgerlichen Lebenswandel hätte führen können, bleibt zweifelhaft. So sehr das asketische, nächtliche Schreiben, sprich: mit dem Gänsekiel Produzieren eine ruinöse, tretmühlenhafte Qual für Balzac war, so war sie wohl für ihn auch ein erotischer Rausch der eigenmächtigen Welterschöpfung und des narzisstischen Selbererlebens in der Realität des Fiktiven: ein prägendes Suchtphänomen seiner realen Existenz.

Johannes Willms, der von einer monographischen Beschäftigung des Balzacschen Oeuvres weitgehend absieht, unterhält eine nicht immer glückliche Liebe zur Ironie, um seine Contenance gegenüber Balzac zu wahren. Aber er “nennt” einen Stil “sein eigen”, in dem sowohl altfränkische Wendungen wie diese oder jene von der (wiederholt) “gut gefüllten Börse” auftauchen, welche die “putenstolze” Hanska ihrem Liebhaber “geöffnet hat”, als auch “Schnurren” moderner Flapsigkeiten zu “gewahren” und zu gewärtigen sind, wie etwa “Sohnemann”, “Fanpost” oder “Fimmel”.

Angesichts des von Willms für zentral erachteten gespannten Verhältnisses seines Helden zu dessen “kaltherzigen” Mutter, welcher der berühmte Sohn es später mit gleicher kalter Münze heimgezahlt hat - obgleich sie es war, die dem Gestorbenen “die Augen schloss” -, nimmt sich die Widmung, die der Biograph seinem “Balzac” voranstellte (“Meiner Mutter”), wunderlich aus. Vielleicht ist dieses Privatissimum, das Karl Kraus bei seiner Razzia auf Literaturhistoriker erfolglos lächerlich gemacht hat, nicht der einzige “hint”, der zwischen dem Porträtisten & dem Porträtierten Vertraulichkeiten stiftete, die der unschuldige Leser nur ahnen kann.

 

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