Der Dichter Wilhelm Heinse, ein Zeitgenosse Goethes und literaturgeschichtlich lange am Rand des Sturm und Drang verortet, gewann literaturwissenschaftliches Interesse auf dem Höhepunkt der Nietzsche-Begeisterung Anfang des 20. Jahrhunderts. Der damals junge Inselverlag veröffentlichte 1902 unter der Herausgabe von Carl Schüddekopf eine Ausgabe sämtlicher Werke.
Erste Arbeiten zu Heinse konzentrierten sich vor allem auf seinen Roman „Ardinghello und die glückseligen Inseln“ und die darin ausgemachte Verbindung des bunten Renaissancebildes, das der Roman gibt, mit einem in Nachfolge von Nietzsches Konzept des Herrenmenschen gedachten Immoralismus, der ethische Frage im Rahmen einer dionysischen Ästhetik beantworte.
Schon in dieser Perspektive zeigte sich ein wachsendes Interesse am unfangreichen Aufzeichnungswerk Heinses, das sich jedoch lange Zeit auf die hier mangelhafte Ausgabe Schüddekopfs beziehen musste. Markus Bernauer, Norbert Miller und andere haben diesen Mangel behoben und eine solide kommentierte Ausgabe der „Aufzeichnungen“ Heinses im Hanser Verlag vorgelegt. Damit wird eine Neubewertung des Werkes Heinses möglich, die sich von der bislang virulenten Einschätzung eines „dionysischen Sturm und Drang“ (Max L. Baeumer) unterscheidet.
Eine solche versucht der von Bernauer und Miller herausgegebene Sammelband „Wilhelm Heinse. Der andere Klassizismus“, in dem zahlreiche Mitarbeiter an der Ausgabe der „Aufzeichnungen“ neue Perspektiven auf Heinses Werk eröffnen. Der Natur des Sammelbandes gemäß, kann hier keine konsistente Lektüre des Werkes Heinses erwartet werden, die mit dem Titel insofern Ernst machte, als dass die Frage, inwiefern Heinses Werk eine andere Klassik formuliere, dezidiert beantwortet werden würde. Teilweise werden sogar die alten Beschreibungen als dionysischer Taumel (Markwart) und antiklassische Ästhetik des Sturm und Drang (Gaethgens, Osterkamp) am neuen Material wiederholt. Der Band eröffnet in seiner Fülle von Beobachtungen aber fruchtbare neue Blickwinkel auf und Erkenntnisse über das Werk in der im Titel bezeichneten Richtung, auf die eine weitere Forschung aufbauen kann und muss. Damit ist zum einen sein Wert für die Germanistik bezeichnet, aber auch der Grund für ein Interesse jenseits der Fachwissenschaft gelegt.
Denn, wer einen Eindruck von der Komplexität und vom Spannungsreichtum der ästhetischen Kultur um 1800 gewinnen will, dem wird hier ein sehr breit gefächertes Spektrum einzelner Analysen geboten – von literaturhistorischen Untersuchungen, z.B. über das Landschaftsbild (Miller, Markwart), die Rezeption der Libertinage (Bernauer), über die kunsthistorische Diskussion des französischen Klassizismus in Deutschland (Gaethgens, Osterkamp) oder das Verhältnis zur klassischen Archäologie (Kansteiner), bis zur Rezeption der Antike durch die Autoren der Renaissance (Wittstock), um nur einige zu nennen. Der literarische Stil der Arbeiten ist dabei oft der Schönheit ihres Gegenstandes angemessen.
Germanistik, das zeigen die Autoren des Bandes eindringlich, ist keine verschlossene Nachlassverwaltung der deutschen Literatur, sondern eine spannende Wissenschaft, die immer wieder neue Entdeckungen zu Tage fördert, diese im regen Austausch mit anderen Disziplinen vermittelt und so ein anregendes Bild unserer Kulturgeschichte zeichnet.
Markus Bernauer, geb. 1958, ist Privatdozent für Vergleichende Literaturwissenschaft und Deutsche Philologie an der Technischen Universität Berlin. Norbert Miller, geb. 1937, ist dort emeritierter Professor für Deutsche Philologie, Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft.