Ronn Wood bedient die Leserschaft ganz so, wie sie es von einem Rolling Stone gewohnt ist, nämlich mit Sex, Drugs and Rock&Roll. Er verzichtet auf literarische Eleganz und pflegt den plaudernden Erzählstil in seinem 416 Seiten fassenden, chronologisch aufgebauten Buch. Es ist eine Aneinanderreihung von Anekdoten sowie ein musikalisches Nachschlagewerk über die Umbrüche der britischen Musik der 60er Jahre bis hin zu den Welttourneen „Forty Licks“ und „Bigger Bang“.
Seine Kindheit verbringt Ronn im Schoß einer Großfamilie und erinnert sich „an Partys, unzählige Partys, und an die Musik, die ununterbrochen irgendwo gespielt wurde“.
„Ich war ein hyperaktives Kind. Mutter machte sich ständig Sorgen, dass ich durch die Küchentür nach draußen rennen und die Treppe hinunterfallen könnte, deshalb band sie mich mit der Leine an einem Bein des Küchentischs fest.“
"Ich bin ein viel besserer Gitarrist als du." (E. Clapton)
Als dienstälteste Rock&Roll-Band sind die Stones längst Legende, wobei die mannigfaltigen Publikationen meist nicht autorisierter Biografien genug Spielraum für Spekulationen bieten – und dem Mythos Platz zur Entfaltung lässt. 1974 zeichnete sich ab, wer Nachfolger des ausgeschiedenen Mick Taylor werden würde. Eric Clapton stand ebenfalls in der engeren Wahl und sagte zu Wood: „Ich bin ein viel besserer Gitarrist als du.“ „Das weiß ich“, antwortete Ronnie, „aber du musst nicht nur mit diesen Jungs spielen, du musst auch mit ihnen leben können.“
Zwar betätigte sich schon Ex-Bassist Bill Wyman als Buchautor über die Stones, aber sein Erinnerungsbuch Stone alone beschränkt sich auf den Zeitraum 1962 bis 1969, und Bill Wyman’s Rolling Stone Story ist eher ein Konvolut.
Dicht und voll und aufgeputscht
Ronnie Wood hingegen schöpft aus dem Vollen, und voll ist er oft. Und dicht. Und aufgeputscht. Ganz so, wie es von „bösen Jungs“ erwartet wird. Das verdiente Geld rinnt ihm durch die Finger, bzw. als weißes Pulver durch die Nase, seine Manager kommen und gehen, und wenn sie gehen, dann mit vollen Taschen.
„Ich wusste, dass die Drogen und der Alkohol mir das Hirn vernebelten und mein Urteilsvermögen trübten, (...) aber ich konnte nicht damit aufhören ...“
In den 80er Jahren kriselt es bei den Stones, man spricht von Auflösung. Jagger und Richards widmen sich ihren Solokarrieren. Man war drei Jahre nicht im Studio und sieben Jahre nicht auf Tournee. Die beiden „Frontmen“ reden nicht mehr miteinander. Einen Abend im Jahre 1988 beschreibt Ronnie so:
„Ich telefonierte mit Keith, wir redeten über Mick und die Band. Plötzlich klingelte das andere Telefon. Mick war dran, um mir zu erzählen, dass er versucht habe Keith zu erreichen.“
Ronnie Wood war auch Vermittler und diesbezüglich für den Erhalt der Band verantwortlich.
Hübsch für den Bücherschrank
Als Vollblutmusiker richtete er sich in jedem Haus, das er gerade bewohnte, ein Studio her. Dort traf man sich, man trank und jammte. Manchmal tagelang. Bevor Wood seiner Karriere im Rang eines Stones-Mitglieds begann, gehörte er den Birds an, der Jeff Beck Group, den Creation und später den Faces unter Rod Stewart. Insgesamt veröffentlichte er sieben Soloalben und war, wegen des stetigen Geldmangels, dauernd unterwegs.
Die vom Heyne-Verlag herausgebrachte Autobiografie hält sich gut in den Händen: Gedruckt auf FSC-zertifiziertem Papier. Mit Bleistiftzeichnungen und Hochglanzbildern gespickt. Hübsch für den Bücherschrank. Und zwischen den gebundenen Buchdeckeln ein Leben, wie man es verfilmen möchte. Eben Sex, Drugs und Musik.
Den Alkohol definiert Wood als Umgangsform und Lösungsmittel im Geschäft der Musik, Exzesse und Entziehungskuren wechseln sich ab. Der kürzeste Rolling-Stones-Witz lautet:
Ronn Wood geht an einer Bar vorbei.
Obwohl kein sprachliches Meisterwerk, hebt sich das Buch im Duktus von anderen Biografien ab – Wood erzählt so locker, quasi im Plauderton, wie er dir und mir am Tresen aus seinem Leben berichten würde, einem Leben, dass trotz Erfolg und Misserfolg relativ gradlinige Kreise zog. Vielleicht deshalb, weil Ehefrau Jo 23 Jahre lang eine recht entspannte Sicht der Dinge verkörperte. „Sie ist nicht eifersüchtig”, schreibt Ronnie, “meckert wegen der Trinkerei nicht rum und hat Spaß am Sex.“
Das Karussell dreht sich also weiter ... tatsächlich?