"Leben, um davon zu erzählen" ist mehr als nur der Titel des ersten Teils der Autobiografie, es ist Márquez' Programm. Erst durch die Niederschrift seiner Erinnerungen, erst durch das Erzählen (ob mit oder ohne fiktive Einschübe lässt sich kaum prüfen) erhält der Lebensweg seine Veredelung.
Mehr als 600 Seiten umfasst allein dieser erste, nur bis ins Jahr 1955 reichende Band, der Anfang Oktober in Kolumbien in der Originalausgabe mit einer Startauflage von einer Million Exemplare erschienen ist. In einigen Buchhandlungen Bogotas erklang zur Premiere die Nationalhymne, und Staatspräsident Alvaro Uribe rühmte Márquez hymnisch: "Die Präsenz der kolumbianischen Geschichte in der Erinnerung der Menschheit ist gesichert." Selbst in Spanien ist dieses außergewöhnliche Buch mit einer Auflage von 600 000 Exemplaren erschienen.
Die Arbeit an diesem opulenten Band war für den Nobelpreisträger von 1982 in doppelter Hinsicht ein existenzieller Kampf - das eigene Leben erzählerisch zu bändigen und ein Wettlauf gegen die Zeit, denn Márquez hatte 1999 von seiner Leukämie-Erkrankung erfahren.
García Márquez beschreibt die Welt seiner Kindheit und Jugend, die gleichermaßen von Lebensfreude, finanziellen Nöten (welch ein Widerspruch für den europäischen Leser!) und unsicheren politischen Verhältnissen geprägt sind, ohne die in Autobiografien sonst häufig anzutreffende Selbstverliebtheit. Wir begegnen keinem stilisierten Helden, keinem abgehobenen, weltabgewandten Intellektuellen, sondern einer völlig "normalen" Figur, die allerdings im Umgang mit ihren Eltern eine gehörige Portion Dickköpfigkeit an den Tag legt.
Es waren harte Kämpfe, die Márquez nach seinem abgebrochenen Jurastudium mit seinen Eltern austragen musste, um ihnen - mehr oder weniger überzeugend - klar zu machen, dass er Schriftsteller und nichts anderes werden will. Ausgerechnet von einem senilen Mediziner, den er auf Grund seines exotischen Aussehens (er soll gelbe Augen haben) als Kindheitsschreck in Erinnerung hat, erhält er anlässlich eines Besuchs in seinem Heimatstädtchen Aracataca bei einem kargen Mahl unerwartete Rückendeckung.
Bisweilen wird es dann doch etwas pathetisch. "Als ich die Suppe kostete, schien eine schlafende Welt in meinem Gedächtnis zu erwachen. Geschmäcker der Kindheit, verloren, seitdem ich das Dorf verlassen hatte, stellten sich mit jedem Löffel wieder ein und machten mir das Herz schwer." War dieses "Suppen-Erlebnis" möglicherweise einer der Momente, in denen sich Márquez von "einem Prankenschlag der Nostalgie" getroffen fühlte?
Der Autor war gemeinsam mit seiner Mutter nach Aracataca zurück gekehrt, um das elterliche Haus, besser gesagt: eine baufällige Ruine zu verkaufen. Dieses verlassene Örtchen unweit der karibischen Küste - so wissen wir heute - zieht sich später als exotisch-geheimnisvoller Handlungsort Macondo wie ein roter Faden durch Márquez' Oeuvre. In einer Enzyklopädie habe er, so lässt uns der Autor wissen, unter dem Eintrag "Macondo" den Namen eines tropischen Baumes gefunden.
Márquez folgt keiner Chronologie, sondern erzählt assoziativ. Wir begegnen seinen Großeltern, lauschen gespannt einer abenteuerlichen Episode, die von einem blutigen Duell des Großvaters handelt und seinen schriftstellerischen Instinkt geweckt haben soll. Die Liebesgeschichte seiner Eltern kennen wir bereits - leicht verfremdet - aus seinem späteren Erfolgsroman "Die Liebe in Zeiten der Cholera".
Mit seiner Mutter, der er eine "matriarchalische Herrschaft" nachsagt, teilt Márquez die Sturheit und den Eigensinn. Er kann und will nicht die Erschütterung seiner Mutter verstehen, als sie ihren herunter gekommenen Sohn mit Anfang 20 trifft und befindet: "Ich dachte, du wärst ein Bettler." Da hatte Gabriel das teure Jurastudium ohne Abschluss beendet und für lausige Honorare, von denen er nicht einmal eine Unterkunft finanzieren konnte, gerade einige Zeitungsartikel veröffentlicht, viel William Faulkner (vor allem "Licht im August") gelesen und "täglich mindestens 60 Zigaretten übelsten Tabaks" geraucht.
Bei Márquez scheinen schon in jungen Jahren - ungeachtet aller materiellen Erwägungen - Passion und Profession absolut deckungsgleich zu sein. Sein Wunsch, zu schreiben, zu kommentieren, zu erzählen, ist in den beschriebenen Jahren eher Berufung als Broterwerb. Die Aufzeichnungen enden 1955 mit dem Erscheinen seines ersten Romans "La horajasca ("Laubsturm") und seiner zeitgleichen Abreise nach Europa, wo er dann drei Jahre als Korrespondent für die kolumbianische Tageszeitung "El Espectador" arbeitet.
Zum Ende dieses ersten autobiografischen Bandes (insgesamt sind drei geplant) begegnet der Autor einer Figur namens Lacides: "Ich kann einfach nicht verstehen, warum sie mir nie gesagt haben, wer Sie sind." Marquez' lapidare Antwort: "Ich konnte es ihnen nicht sagen, denn selbst ich weiß bis heute nicht, wer ich bin."
Der große internationale Durchbruch als Schriftsteller lässt schließlich noch fast 15 Jahre auf sich warten. Márquez hatte die Vierzig bereits überschritten, als ihn seine Frau drängte, das Manuskript der "Hundert Jahre Einsamkeit" zur Veröffentlichung anzubieten. Davon wird hoffentlich schon bald im zweiten Band zu lesen sein.
Unbändige Lebensfreude hallt aus diesem dicken Wälzer - gelesen in der angenehmen Milde des spanischsprachigen Winters, wo sich im katalanischen Künstlerdorf Cadaques die Wege des Rezensenten und des Nobelpreisträgers kreuzten. Im dortigen Hostal Cadaques hat Márquez im Jahr 1971 eine Bleistiftzeichnung mit Widmung hinterlassen. Ein bleibender Eindruck, und es war eine Lektüre "con mucho gusto" (mit großem Vergnügen).

Unser staunender Rezensent Peter Mohr

Das "Hostal" Cadaques, wo in jüngerer Vergangenheit u.a. auch Javier Tomeo und Umberto Eco gelesen haben.

Zeichnung im Schaukasten
Peter Mohr
Gabriel García Márquez: Leben, um davon zu erzählen. Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2002, 604 Seiten, 24,90 Euro (SFR 42,30)