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Dienstag, 22. Mai 2012 | 12:30

 

Fritz J. Raddatz: Unruhestifter

22.02.2004



Eine Mimose für die zornige „Heulsuse“

 

 

In seinen Erinnerungen wirft Fritz J. Raddatz einen Yellow-Press-Blick auf das deutsche Kulturleben der letzten 50 Jahre und hinterlässt pures Entsetzen.


 

Bei der Lektüre von Fritz J. Raddatz opulentem Erinnerungsband schwankt man zwischen Amüsement und tiefem Entsetzen. Allerlei Schmonzetten hält dieses Buch bereit und liefert in bester Boulevardprosa einen Yellow-Press-Blick auf das deutsche Kulturleben der letzten 50 Jahre. Wer verträgt am meisten Alkohol? Wer hat die dümmste Ehefrau? Wer bevorzugt welche Sexpraktiken?

Beim Friseurbesuch oder in der Arztpraxis vertreibt man sich mit derlei Geschichtchen gern die Wartezeit. Aber in einem ausgewachsenen Buch? Geschrieben von einem Autor, der – allen nun entstandenen Vorbehalten zum Trotz – die deutsche Kultur der letzten vierzig Jahre nicht unmaßgeblich beeinflusst hat? Da verwandelt sich das anfänglich nicht zu unterdrückende Schmunzeln über die ein oder andere Anekdote schnell in pures Entsetzen. Was hat Raddatz, einst Lektor bei Volk und Welt, stellvertretender Leiter des Rowohlt Verlags und Feuilletonchef der „Zeit“ (wo er über ein falsches Goethe-Zitat gestolpert ist) mit diesem Buch im Sinn gehabt?

Das ewige Opfer
Primär präsentiert er sich in einer permanenten Opferrolle. Alle haben ihm bös mitgespielt: der Vater, der ihn zum Sex mit der Stiefmutter zwang und damit womöglich den Weg in die Homosexualität schuf; und all die Verräter in der ehemaligen DDR, im Rowohlt Verlag und bei der „Zeit“. Ein elegischer Grundtenor zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch und wird nur von unflätigen, bisweilen unter die Gürtellinie zielenden Beschimpfungen prominenter Personen gebrochen. Selbst der Freund (darauf legt Raddatz Wert) Günter Grass kommt nicht besonders gut weg, weil er „immer im Mittelpunkt stehen“ will. Und gerade dies kann Raddatz nicht ertragen, denn jenen Platz reklamiert er selbstverliebt beharrlich für sich. Zu aufrichtigen menschlichen Beziehungen (so viel verrät dieses Buch) ist Raddatz (Jahrgang 1931) anscheinend nicht fähig. Einzig Walter Kempowski scheint im beschriebenen Künstleruniversum ein edler Geist zu sein. Der „Echolot-Autor“ soll ihm sogar während einer finanziellen Krise Geld angeboten haben. Wir nehmen es zur Kenntnis wie viele andere weniger nette Episoden und erinnern uns an den Titel von Goethes Autobiografie.

Zeternder Rundumschlag
Vielleicht verbirgt sich hinter Raddatz Rundumschlagmethode auch der Hilferuf eines vereinsamten, in die Jahre gekommenen Mannes, der keinen Spaß mehr an Champagnerpartys und schnellen Autos hat und um Aufmerksamkeit buhlt? Erfreuen darf er sich jetzt an einer Mimose, die ihm der einstige Zeit-Chefredakteur Theo Sommer am Rande einer Lesung als symbolträchtiges Präsent überreichte. „Wo die Eitelkeit anfängt, hört der Verstand auf“, schrieb einst Marie von Ebner-Eschenbach. Sie starb vor mehr als 90 Jahren und konnte dabei nicht an Raddatz gedacht haben. Es sei nur erwähnt, weil es schon passiert sein soll, dass Zitate in den falschen historischen Kontext eingeordnet wurden.


Peter Mohr

 


Fritz J. Raddatz: Unruhestifter. Propyläen 2003. Gebunden. 496 Seiten. 24 Euro.
ISBN 3-549-07198-1

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