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Dienstag, 22. Mai 2012 | 12:33

 

Theodor W. Adorno Archiv (Hrsg.): Adorno. Eine Bildmonographie.

23.02.2004

 


Stöbern im persönlichen Nachlass

 

Die „Bildmonographie Adorno“ hat als ein Text-Arsenal Gebrauchswert.




 

Wer vermutet hatte, die vom TWA-Archiv edierte „Bildmonografie Adorno“ sei der Katalog zu der vom Frankfurter Archiv zum 100. Geburtstag am 11.9. verantworteten großen Adorno-Ausstellung (zuerst in Zürich und später Frankfurt am Main), würde sich täuschen. Kein Begleitbuch also, sondern eine eigenständige „Bildmonographie“ – eine „Abhandlung über eine Person“, nämlich Adornos, in Form von Bildern. Es sei, schreiben die Herausgeber Christoph Gödde und Henri Lonitz in ihrem gelegentlich schwer adornierenden Nachwort, „wider Erwarten keine unendlich schwere Aufgabe“ gewesen, „ein Buch zu konzipieren“, das Adorno in „Photographien und in – überwiegend unveröffentlichten – Texten zu porträtierten versucht“. Zwar schreiten die Herausgeber chronologisch Adornos Lebensweg ab; aber eine repräsentative Monographie seines Lebens war wohl nicht ihr Ziel, sondern eher, vor^allem im unpublizierten Textbestand des Archivs souverän wählen & damit punkten zu können. Viele der Bilder, die z.B. auf dem Bahnhof in Chur TWA beim Kaffeetrinken, Gretel beim Zigarettenrauchen oder beide oberhalb von Zermatt im Schnee oder beim abendlichen 66iger Spiel in Santa Monica zeigen, tauchen hier erstmals aus der Privatsphäre auf. Das ist nett. Aber es sind weniger die Bilder & Faksimiles dieser Monographie, welche das gespannte Interesse der Leser finden werden, sondern die Texte, wenngleich sie von höchst unterschiedlicher Wertigkeit und Stringenz für Adornos Leben sind. So haben die Herausgeber aus zwei Tagebüchern und einem Notizheft zitiert, das während einer vierwöchigen Vortragsreise in Italien 1961 entstand, die das Ehepaaar bis nach Sizilien führte, aber von geringem biographischem Interesse ist.

Das erste Tagebuch legte der Achtjährige in Amorbach an und führte es bis zu seinem Schulabschluss. Es offenbart, dass das Wunderkind seine ursprüngliche künstlerischen Neigungen auf Lyrik und Drama richtete, bis „Teddie“ selbstkritisch erkannte, dass er literarisch unter seinem Niveau und Anspruch dilettierte. Musikalisch verteidigt er Mozart und Beethoven gegen Wagner, von dem „gründlichst kuriert“ sei – um dann erst recht richtig gegen ihn loszuziehen: „Das gesamte, verstärkte Orchester liegt in schreienden Krämpfen oder will ein Kind gebären, und hat Wagner einmal einen Einfall, dann wird er zu Tode geritten. Jede Linie fehlt, in endlos zuckender Qual windet sich der musikalische Regenwurm von Disharmonie zu Disharmonie, dann wird er entzweigefaltet und zur Hälfte lyrisch, wirft mehrmals Junge, säugt sie, und frisst sie auf, um dann schließlich in einer Spieldose sein ruhmloses Ende zu finden“. Ganz schön frech, der Bengel. Als sein Vater sich zum 50.Geburtstag wünscht, der Sohn möge eines von Teddies frühen Gedichte („ein höchst kitschiges Machwerk“, wie er selbstkritisch meint) „einfach vertonen“, muss die Mutter den Wunsch „betonen und ich gehorchte. Demütigend, zu einem Fest ein Denkmal schlechten Geschmacks setzen zu müssen“, grollt er in seinem Jugend-Tagebuch. Das zweite Tagebuch enstand im Herbst 1949 anlässlich seiner ersten Europa-Reise von L.A. über New York, Paris nach Frankfurt a.M. Es hält seine Erschrecken beim Wiedersehen mit der „schauerlich vom Alter wie zerstörten“ Mutter in N.Y ebenso fest wie ein sorgfältig von ihm arrangierte Sex-Session mit einer masochistischen, „libertinen“ Professorin. Danach trifft er „Friedel“ (Kracauer), bei dem er einen „besseren geistigen Zustand“ als bei seiner Mutter konstatiert und dem er attestiert: „Seine Filmästhetik kann etwas Anständiges werden, wenn er sie nicht aus Konformismus zu formal anlegt“. TWAs erste Bodenberührung mit Europa führte schon im Zug von Cherbourg zu einem „nie gekannten Zustand von Rührung und Außer mir sein“, der sich in Paris steigerte „bis zum Paroxysmus“. Seine Eindrücke vom zerstörten Frankfurt sind widersprüchlich zwischen „nightmare“ und „wildeste Wiederaufbau-Aktivität“ angesiedelt, beglückt ist er aber von den „ungeheuer ernsten, fleißigen und eifrigen“ Studenten. Freilich bestürzt ihn auch „der ungeheure Bruch zwischen Intelligenz und Bildung“ und er ist irritiert von dem „etwas tierischen Ernst“, den sie an den Tag legen.

Besonderes Interesse kann auch eine in der Werkausgabe nicht publizierte Rede Adornos zum Städtebau im Nachkriegsdeutschland für sich beanspruchen, die zwar radikal den „romantischen Historismus“, also die gefakte Reproduktion des bombenzerstörten Alten ablehnt, jedoch auch nicht eine gesellschaftskonforme Massenarchitektur favorisiert und den Archtiketen auferlegt, für die Interessen der Menschen gegen deren engstirnige Wünsche an- & einzutreten: „Wir haben Avantgardisten zu sein!“ ruft er am Ende aus. So „positiv“ war er sonst nie (mehr)!Unbekannt war auch ein Briefwechsel mit Günther Anders aus dem Jahre 1963, in dem der Aktivist der „Anti-Atomtod“-Bewegung Adorno zum einen vorwirft, sich politisch nicht zu artikulieren, zum anderen einen Widerspruch zwischen Adornos öffentlicher Bestallung als Professor und seiner radikalen Gesellschaftskritik moniert. Da hat ihm Teddie aber entschieden Bescheid gegeben! Wer die „Bildmonographie“ als Text-Arsenal betrachtet, bei dem sich das TWArchiv hin und wieder in die Karten gucken lässt, die es in der Hinterhand hat, der kann darin durchaus zu seinem Glück fündig werden.

Wolfram Schütte


Adorno. Eine Bildmonographie. Herausgegeben vom Theodor W. Adorno Archiv. Mit 250 Abb., 312 Seiten. Leinen 39.90 ¤, kartoniert 24.90 ¤ISBN: 3518583824 (Kartoniert); 3518583778 (Leinen)

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