Danny Goldberg: Unter Genies
28.01.2010
For those about to rock
Mit Unter Genies blickt ein Großer des Musikbusiness auf vier Jahrzehnte voller Sex, Drugs & Rock´n´Roll zurück – und klingt dabei an keiner Stelle so abgedroschen wie die eben gebrauchte Floskel, um die CHRISTIAN NEUBERT partout nicht herumkommen wollte.
Danny Goldbergs Lebenslauf fällt in die Kategorie des American Dream. Im Herbst des Jahres 1968 hat sich der damals 18-jährige Goldberg nach einem Job umgesehen, um sich seine erste eigene Wohnung finanzieren zu können. Diesen fand er beim Billboard Magazine, klassisch via Zeitungsanzeige – ein Geschenk für ihn, war er doch Begeisterter Anhänger einer Sache, die Rock´n´Roll genannt wurde.
Wegweisende Alben wie Bob Dylans Blonde on Blonde, Are you experienced? von The Jimmy Hendrix Experience sowie Sgt. Peppers´s lonely Hearts Club Band von den Beatles sind jüngst erschienen. Diese und zahlreiche andere Scheiben schufen innerhalb weniger Jahre einen neuen Markt, der Goldberg die Möglichkeit bot, aus seinem Hobby Kapital zu schlagen. Nach einigen kleineren Schreibaufträgen wurde er gefragt, ob er die Berichterstattung über ein Event übernehmen wollte, auf das keiner der regelmäßig Angestellten Lust hatte: Das Woodstock-Festival. Die daraus entstandene Titelstory entpuppte sich für den jungen Rockjournalisten als Initialzündung seiner Karriere, wo scheinbar ein vorläufiger Höhepunkt den anderen ablösen sollte.
Vom Plattenteller zum Millionär
Um es kurz zu machen: Danny Goldberg wurde Kolumnist bei Record World, schaffte es zum Redakteur des Circus und war bald beim illustren Kreis der New Yorker Rockkritiker angekommen. Darauf folgten Aufträge als PR-Agent für Led Zeppelin, Kiss und Stevie Nicks, die Gründung seiner Managementfirma Gold Mountain Entertainment, zu deren Klienten Nirvana und Sonic Youth zählten, bis er es in den Neunzigern zum Leiter von Atlantic Records und schließlich von Warner Bros. Records gebracht hat. Inzwischen ist er Geschäftsführer von Gold Village Entertainment, seiner 2006 neu gegründeten Managementfirma.
Wie man bereits vermutet, steckt hinter einer solchen Karriere nicht nur viel Fleiß und Ehrgeiz, sondern auch der Segen, zur rechten Zeit am rechten Ort gewesen zu sein – und, nicht zu vergessen, ein geschultes Mundwerk, weswegen es Goldberg, der innerhalb seines geliebten Rock´n´Roll bisher lediglich als Fan und Businessmann in Erscheinung getreten ist, nun auch noch zum Artist geschafft hat. Rock´n´Roll in Buchform, Hell yeah! Er maßt sich jedoch niemals an, künstlerisch auf Augenhöhe seiner Zög- und Schützlinge zu sein, der Titel seines Buches lautet nicht umsonst Unter Genies. Er tritt auch nicht als Verkünder einer Formel auf, die die Essenz des Rock´n´Roll beinhalten soll – er erzählt sein Leben im Rock´n´Roll-Geschäft. Schlicht, aber eben auch durchaus ergreifend.
Ein Auge auf´s Geschäft, eines im Plattenkasten
Gerade der Geschäfts-Aspekt macht sein Buch zu einem ansprechenden Lesestoff. Und obwohl Goldbergs Fan-Haltung immer erkennbar bleibt, ist Unter Genies an keiner Stelle verklärend. Natürlich stößt man bei der Lektüre oft auf Romantik und Revolution, allerdings sind diese Begriffe immer zumindest lose an das Big Business geknüpft. „Niemand wurde aus Zufall oder gegen den eigenen Willen zum Rockstar“, stellt Goldberg fest. Wer es in den Rockolymp geschafft hat, war Bestandteil einer dollarschweren Maschinerie, die nicht selten schlechte Künstler gefördert und gute belogen und betrogen hat. Das hat man bereits gehört – so schön wie bei Goldberg, der vom Flower Power über Hair Metal und Punk bis zum Grunge alle Strömungen aus nächster Nähe miterlebt hat, bekommt man es aber selten erzählt.
Unter Genies verschafft einem Zutritt zum Studio und zum Backstagebereich, zur Awardshow und zur Entzugsklinik. Über viele Erinnerungen an seine Zusammenarbeit mit Rockgrößen wie Jimmy Page, Gene Simmons, Patti Smith und Kurt Cobain gerät man ins Staunen, oft ins Schmunzeln und nicht selten auch ins Trauern. Gewaltige Egos, zerbrechliche Künstlerseelen, Drogeneskapaden, die man in den Griff bekommen hat und immer wieder Rückfälle – der Stoff, aus dem der Schmierenjournalismus ist, wird von Goldberg in gut zu lesende Kapitel gepresst, die immer genügend Abstand zur Wahrung der Würde wahren, aber trotzdem nah und lang genug draufhalten, um den Zauber einzufangen bzw. auch mal entzaubern zu können.
Mit Unter Genies liegt ein kurzweiliges Buch vor, das anhand interessanter Anekdoten berühmter Rockbands und Branchengrößen die Glanzzeit der Musikindustrie portraitiert. Gleichzeitig ist es ein Zeugnis über eine Zeit, die inzwischen zum Rudiment geworden ist, da mit dem Aussterben der Musikindustrie in der Form, wie sie bestanden hat, auch die Ära des überlebensgroßen Stadionrock über kurz oder lang beendet scheint. Wer sich auch nur ein Stück weit mit Rockmusik identifizieren kann, wird das Buch mögen – Fans von Led Zeppelin und Nirvana, von KISS und Stevie Nicks, von Jackson Browne und Warren Zevon dagegen werden es lieben.
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