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Dienstag, 22. Mai 2012 | 13:07

Hervé / Schmidt: Frauen der Wüste

19.08.2011

In der Weite liegt die Kraft

»Das Meer und die Berge rufen, die Wüste fasziniert« – findet Florence Hervé. Zusammen mit dem Fotografen Thomas A. Schmidt hat sie in mehreren Erdteilen Frauen der Wüste besucht, begleitet und porträtiert. Von INGEBORG JAISER

 

Wüste: damit assoziiert man zuerst Sand und Dünen, Trockenheit und Unwirtlichkeit. Dass die Wüste auch »Ort des Lebens, der Arbeit, des Abenteuers und der Inspiration« sein kann, erschließt sich eher den Eingeweihten, Vertrauten, Verbundenen. Es braucht Zeit und Mut, sich dieser Faszination zu öffnen. Die französische Germanistin und Journalistin Florence Hervé und der Fotograf Thomas A. Schmidt sind das Wagnis eingegangen, haben die halbe Welt bereist – und dabei 38 außergewöhnliche Frauen porträtiert.

 

Steppen und Oasen

Welche Vielfalt zeigen doch die Wüsten dieses Erdballs: Hier bräunlicher Abraum einer ehemaligen Bergarbeitersiedlung in Chile, dort die lichten Dünen der südafrikanischen Atlantikküste; hier die öden Weiten des Death Valleys; dort eine fruchtbare Oase in der steppenartigen Wüste Gobi; hier die rötliche Erde Algeriens, dort das »weiße Meer« der Anden, ein unendlicher Salzsee in Bolivien; hier die Geröllwüste der Sahara, dort das überraschende Grün von Tamarisken und Kapernsträucher im Negev.

 

Und mitten darin leben Schriftstellerinnen und Künstlerinnen, die wir kennenlernen, eine Winzerin, eine Archäologin, eine Ingenieurin, eine Bürgermeisterin, eine Hotelbesitzerin, eine Sängerin, eine Sportlerin, eine Insektenforscherin. Gestandene Frauen sind es meist, Visionärinnen, Aktivistinnen und Kämpferinnen. Mal Nomaden-, mal Zahnarzttochter. Mal örtliche Gewerkschaftsvorsitzende, mal nationale Vertreterin der Ureinwohner. Frauen in Trekkinghosen, im Nonnen-Habit, in Schutzkleidung, im Schleier, in Shorts, in wehenden, kunstvoll verzierten Gewändern.

 

Malen, um die Seele zu erneuern

So unwirtlich, karg und öde diesen Frauen die Wüste oft begegnet, so innig und intensiv fühlen sie sich doch damit verbunden: Sie ist Arbeitsplatz, Ort der Inspiration, Symbol für Unendlichkeit und Ewigkeit. »Das Salz der Atacama gibt mir Kraft«, schwärmt Sandra Martínez, die Bürgermeisterin einer kleinen chilenischen Stadt auf über 2400 Metern Höhe. »Ich bin eine Wüstenratte und male, um meine Seele in diesem Ruhepol zu erneuern«, konstatiert die Künstlerin Christine Marais. »Es ist ein Gefühl der Freiheit, das mich hier festhält«, sagt Susan Sorrells, eine Geschäftsfrau aus der Mojave-Wüste. Und Linda Greene, Kulturmanagerin im Nationalpark Death Valley, gesteht ganz einfach: »Ich mag die offene Weite, die ich durchfahre …«

 

Diese Weite und Ruhe, die Kraft und Faszination lässt sich auch bei der Lektüre dieses wunderbaren Bildbandes erfühlen und erahnen. Eindrückliche Frauenporträts werden von großformatigen, teilweise doppelseitigen Fotografien begleitet und ergänzt. Es ist eine wahre Lust, durch dieses Buch zu blättern - zu staunen und inne zu halten. Hochachtung vor den porträtierten Frauen und ihrem (meist) leidenschaftlichen Blick auf die Wüste. Ein mehrseitiger Anhang informiert ausführlich über ihre Lebensläufe und ihr Schaffen. Das könnte der Anfang weiterer, spannender Lektüre sein.

 

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