Auch wenn Schopenhauer und Mertens ihrer Beziehung weder als homosexuell oder lesbisch bezeichnet hätten – diese Begriffe waren schlichtweg noch nicht erfunden – so wussten sie, dass es besser war, ihre Neigung tunlichst im Stillen, Verborgenen auszuleben. Frauen, zumal aus »besseren« Häusern taten gut daran, sich in Handarbeiten, dem artigen Klavierspiel und der geselligen Konversation zu üben und vor allem: dem Ehemann zu gehorchen, ihn idealiter zu bewundern.
Bei Sibylle Mertens-Schaaffhausen ist davon wenig zu spüren, das attraktive Multitalent kann sich mit der Vernunftehe mit dem engstirnigen Bankier Joseph Ludwig Mertens nur schwer arrangieren. Erst nach dessen Tod kann sich Sibylle auch in Liebesdingen wirklich frei bewegen und sich, literarisch chiffriert aber auch offen in Form einer gemeinsamen Wohnung, zu Adele bekennen.
Von Biedermeier und ergebener Züchtigkeit ist im Leben der Sybille Mertens-Schaaffhausen also wenig zu spüren: Als geachtete Archäologin, Kunstsammlerin und Mäzenin erlaubte sie sich ausschweifende Reisen nach Italien und erlebte nicht nur mit Adele Schopenhauer eine körperliche Beziehung. Auch mit Anette von Droste-Hülshoff verband sie zeitweilig eine sehr enge Freundschaft und den Tod der italienischen Geliebten Laurina Spinola verarbeitete sie literarisch in einem Tagebuch.