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Dienstag, 22. Mai 2012 | 13:14

Ellen von Unwerth: Fräulein von Ellen von Unwerth und Ingrid Sischy

23.12.2011

Frivoles Fräuleinwunder

Schon der Name ist eine Unverschämtheit! Zuerst einmal der Nachname, beginnend mit »Un-«. Dieser ironische Gleichklang mit Unwert, der unendlich unpassend und ungehörig für ihre Arbeit ist. Das H am Wortende suggeriert einen Hauch des Altdeutschen. Dann das anmaßend »von«, als ob standesgemäße Blaublütigkeit den unter der blassen Haut durchscheinenden Adern ihre Farbe verleihe. Und Ellen – dieser grazile Name aus einem düsteren Stummfilm Murnaus, der zusammen mit dem Nachnamen bei gewisser Betonung nach einer verklausulierten Bezeichnung von Unmengen an Verdorbenem klingt: Ellen von Unwerth. Von LIDA BACH

 

Die nächste Frechheit ist dieser Bildband. Fast 500 Seiten auf Hochglanzpapier gegossener Großaufnahmen, auf denen die Spontanität eines Schnappschusses im präzisen Arrangement einer Daguerrotypie trifft. Die beiden unterschiedlichen Formate markieren zugleich den historischen und optischen Rahmen des lüsternen Potpourris. Dessen Enthüllungen sind ein sinnliches Bäumchen-Wechsle-Dich-Spiel zwischen pornografischen Perspektive-Bildern und Peep Show. Soubretten und Stripper, Tramps und Vamps, Puppen und Pin-ups. Leicht zu haben und dennoch unerreichbar, dies ist die Koketterie der Fräulein Ellen von Unwerths und von »Fräulein«. Der limitierte Prachtband im Schuber kostet mehr als einen Tauender, die preisgünstigere Variante 900 Pfund, nicht Euro.

 

Die Unerschwinglichkeit wäre lächerlich, wären die Sonderbände nicht regelmäßig ausverkauft. Doch diese bibliografische Ausschweifung ist nur ein Teaser vor der Girlie Show, das Vorspiel zur Orgie, der Barker vor dem Zirkuszelt. Die Themenmotive sind nur einige der während des sinnlichen Bilderreigens eröffneten Fantasiewelten. Alle sind sie nun dem Betrachter zugänglich, den das »Fräulein« ist sich nicht zu schade in einem erschwinglichen Hardcover aufzutreten. Der titelgebende Name des Einbandfotos klingt altmodisch. Nach Backfischen, die Fisimatenten machen, nach naiver Unschuld und mahnender Autorität. »Mein liebes Fräulein Tong Tong!« Die bürgerliche Biederkeit würde es immer wieder ausrufen, wenn Internatsmädchen beim Picknick ihre Manieren vergessen oder die Haltestange in der U-Bahn einen blonden Fahrgast zum Strip verlockt.

 

Aus dem Wirbel von Farben und Formen im Moulin Rouge geht es in ein schwarz-weißes Zauberreich inspiriert von Zirkus und Cabaret, dem Kinofilm und der Kunstrichtung. Androgyne Matrosen und Seemannsbräute vergnügen sich auf der Titanic, eine Doppelseite zuvor treiben Badeanzugträgerinnen in Schwimmreifen im Wasser. Louise Brooks, Josephine Baker und Jean Harlow sind die geheimen Schwestern der Modelle, zu denen Kate Moss, Vanessa Paradis und Lindsay Lohan, Dita von Teese im pinkfarbenen Petticoat und bei ihrer Martini-Glas-Nummer und Jennifer Jason Leigh zählen. Die strenge Klarheit von Helmut Newton und Guy Bourdin, mit denen die 1954 in Frankfurt geborene Ellen von Unwerth zusammenarbeitete, treffen auf das irritierend Abseitige einer Diane Arbus. Die Kamera scheut nicht vor Runzeln, greller Travestie und Missgestaltetem im Spielzeugreich aus Pailletten, Rüschen, Plumes et Dentelles – Federn und Spitze, so der Titel ihre vorigen Bandes.

 

Geschick bei der Wahl eines Pseudonyms kann man der Fotografin, die von Modebildern zu Kunstaufnahmen schritt, bis beide untrennbar in ihrem Werk verschmolzen, nicht anrechnen. Der Name ist ihr eigener. Unter ihm stand sie ein Jahrzehnt vor der Kamera. Dann wechselte sie die Seiten. Das für einen Künstlernamen verweigerte Lob gebührt ihr vielleicht dafür, dass sie den für ein Supermodel eher sperrigen Namen nicht ablegte. Die laszive Dekadenz und facettenreiche Erotik ihrer Fotografie lassen ihn wie eine Berufung wirken. Wollust und fetischistische Erotik vereinen sich zu verspielter Dekadenz. Ausgezogene Mädchen, angezogene Mädchen – ungezogene Mädchen: Die Faszination der Modelle, die ihre Candid Camera vorstellt, definiert die Künstlerin im Nachwort persönlich: »Frauen, die man treffen möchte und von denen man träumen will.«

 

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