Wir lernen Menschen kennen und Interieurs, Landschaften, Stadtansichten und Arrangements, auch mal Blätter und Bäume, vor allem aber und immer wieder Menschen. Das ist, bedingt schon durch die alten Techniken und die Möglichkeiten der digitalen Bearbeitung, entfernt zugleich und nah. Wir tauchen ein in eine vergangene Zeit und entdecken ständig unsere Gegenwart.
In Joseph Alberts Portrait von Franz Liszt etwa interessiert weniger das vertraute Gesicht als sein Ausdruck, seine selbstbewusste Haltung, die über den Mann und seine Musik eine Menge verrät. Damit kann nur General Custer konkurrieren, wie ihn der Amerikaner Brady überliefert. Die auch von Albert photographierte „Königliche Kaffeegesellschaft vor dem ‚Schweizerhaus’“ wiederum präsentiert uns eine Inszenierung wie aus einem Tschechow-Stück. So bürgerlich gibt man sich gelegentlich bei Königs.
Die Binsenwahrheit, dass im 19. Jahrhundert das Patriarchat noch kaum in Zweifel gezogen wurde, bestätigt sich in der vergleichsweise geringen Zahl von Frauenbildern. Manchmal, wenn sie nicht gerade erotisch animieren soll, steht die Frau züchtig hinter ihrem sitzenden Gemahl, etwa dem Hamburger Bürgermeister Lutteroth. Ihre Hände ruhen mütterlich und vertrauensselig zugleich auf seiner Schulter.
Manche Photographien nähern sich der Malerei an, zum Beispiel Charles Nègres Bild seines Vaters oder Rejlanders Aktstudie. Natürlich enthält die Galerie auch viele „Klassiker“, etwa die Bewegungsstudien von Eadweard Muybridge. Da die Bilder nicht chronologisch und auch nicht nach Ländern angeordnet sind, sondern alphabetisch nach den Namen der Photographen, ergeben sich überraschende Zufallsnachbarschaften, die nicht ohne Reiz sind.
Thomas Rothschild
Die virtuelle Galerie. 5000 Photographien des 19. Jahrhunderts.
Zweitausendeins