Dada in der Schweiz, wiewohl ein internationales Phänomen, wird trotzdem meist durch die nationale Brille gesehen. Der Fokus liegt im deutschsprachigen Raum entweder auf Hugo Ball oder Walter Serner, seltener schon auf Hans Arp, Richard Huelsenbeck oder Emmy Hennings. Eine deutschsprachige Ausgabe der Gedichte und Theaterstücke Tristan Tzaras aus dieser Zeit fehlte bislang, obwohl Tzara ebenso ein Dadaist der ersten Stunde ist wie Ball, Huelsenbeck oder Arp. Diesem Mangel schafft Raoul Schrott Abhilfe, der nicht nur viele Texte Tzaras erstmals ins Deutsche übertrug, sondern auch dessen Nachlass nach Dokumenten der Dadaisten aus der Zeit von 1915 bis 1925 durchstöberte. Aus dieser umfangreichen Recherche entstand der liebevoll arrangierte, seit langem vergriffene Band Dada 15/25, der jetzt – ergänzt um Abschnitte zum dadaistischen Sängerkrieg in Tirol aus Raoul Schrotts erstem Buch zu Dada – endlich wieder neu aufgelegt wurde.
Dadas Kulturmanager
Tristan Tzara ist hierzulande eher übel beleumundet als Dada-Chefpropagandist und Manifestplagiator, der (laut Kurt Schwitters) nur über Dada schrieb, ohne selbst Dadaist zu sein. Seine zahlreichen Briefe an Künstler in Italien, Frankreich, Deutschland oder Holland, die in Dada 15/25 abgedruckt sind, untermauern zunächst das Bild von ihm als Manager der Bewegung. Allerdings stehen seinen Bemühungen um die Verbreitung von Dada auch zahlreiche Gedichte und Theaterstücke zur Seite, die etwa in der Auflösung der konventionellen Syntax weiter gehen als die Texte Arps oder Huelsenbecks und durch ihre klanglichen Qualitäten bestechen. Zudem übersetzte Tzara auch Dichtungen verschiedener afrikanischer Völker und verfasste dadaistische Simultangedichte, während deren Aufführung es regelmäßig zu Zuschauerprotesten gekommen sein soll.
Normalerweise sind Autorenbriefwechsel nur etwas für Spezialisten, die auch noch das kleinste Detail über ihren Lieblingsautor wissen möchten. Hier ist es anders. Da Dada sich nicht nur in Texten manifestierte, sondern auch in verschiedenen Aktionen, ist man ganz auf die Berichte der Akteure und Zuschauer angewiesen. So wird man Zeuge, wie die einzelnen dadaistischen Soireen abliefen und wie die Veröffentlichungen zustande kamen. Wie sich die Konstellationen unter den Dadaisten immer wieder änderten. Wie Tzara für das Mouvement Dada kämpfte und trickste, etwa um den antideutsch eingestellten Apollinaire zur Mitarbeit an seiner Zeitschrift zu bewegen, in der auch deutsche Autoren veröffentlichten.
Jedem sein eigener Dadaismus
Wie kann man eine künstlerische Bewegung darstellen, bei der jeder ihrer Protagonisten ein anderes Bild entwirft? Dada als Läuterung auf dem Weg zum Katholizismus bei Ball. Dada als psychologisches Phänomen bei Huelsenbeck. Dada als Mystik der Abstraktion bei Arp. Dada als Bluff bei Serner. Dada als Weigerung gegen jegliche Festlegung bei Tzara. Auch die Streitigkeiten unter den Autoren verwischen das Bild dieser Bewegung. Man betrachte etwa in Dada 15/25 die zehn Behauptungen darüber, wie das Wort DADA in die Welt gekommen sei. Außerdem war Dada Zürich zunächst reine Bühnenkunst; es entwickelte sich aus zahlreichen, sehr heterogenen Aufführungen im Cabaret Voltaire. Die ersten Texte wurden erst veröffentlicht, als das Kabarett bereits wieder geschlossen war. Hinzu kommt die Vorliebe der Autoren für das gekonnte Fake. Die Filiale Dada Genf wurde fast ausschließlich durch Zeitungsartikel über Ereignisse inszeniert, die niemals stattgefunden hatten. Daher gibt es nicht die Geschichte Dadas, sondern viele eigenwillige, sich häufig widersprechende Geschichten, unter denen die bekannteste Hugo Balls Flucht aus der Zeit sein dürfte.
Hochglanzbilder einer Bewegung
So ist es nur konsequent, nicht eine Geschichte Dadas zu erzählen, sondern die Originaltexte und -bilder ohne weitere Erklärungen unmittelbar wirken zu lassen. In Dada 15/25 findet man eine einzigartige, umfangreiche Sammlung von Zeitzeugnissen, die zwar um Tristan Tzara kreisen, in der aber auch andere Stimmen zu Wort kommen. Dank der chronologischen Anordnung steht hier nebeneinander, was sonst über die Werke vieler Autoren verstreut mühsam zusammengesucht werden müsste. Die von Raoul Schrott aus dem raren Quellmaterial (mit einem gewissen Anteil an schöpferischer Phantasie) rekonstruierten Soireen zeigen auf engstem Raum, was bei Dada alles möglich war. Zahlreichen Abbildungen von Masken und Kostümen lassen die Atmosphäre dieser Abende lebendig werden. Hinzu kommen zahlreiche Privatfotos der Künstler sowie Abbildungen von Manuskripten, Zeitungsausschnitten, Plakaten, Holzschnitten und Gemälden. Im Zusammenspiel mit den hier ebenfalls zur Illustration verwendeten Kunstwerken aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird deutlich, dass Dada sich nicht als einer von zahlreichen Ismen der Moderne sistieren lässt, sondern dass diese Bewegung bis heute weiterlebt. Und so vielfältig und mit Liebe zum Detail gestaltet wie in diesem Band kann man die zahlreichen Geschichten Dadas sonst nirgends nachvollziehen.
Carsten Schwedes
Raoul Schrott: Dada 15/25. Dokumentation und chronologischer Überblick zu Tzara & Co.
Dumont 2005.
Halbleinen. 440 S. mit zahlreichen Abbildungen. 78,00 ¤.
ISBN 3-8321-7479-6