Überhaupt beginnt Berlin zu dieser Zeit gerade, München den Rang als deutsche Kunsthauptstadt abzulaufen – für uns heute eine Selbstverständlichkeit. Sowohl Lovis Corinth (1858-1925) als auch Max Slevogt (1868-1932) sind München-Flüchtlinge, und der Urberliner Max Liebermann (1847-1935) hat es dort ebenfalls nur ein paar Jahre ausgehalten. Gerne werden die drei, nicht zuletzt wegen ihrer gemeinsamen Berliner Jahre und in Verbindung mit ihrer künstlerischen Gemeinsamkeit, der Übernahme der französischen Freiluftmalerei, in einem Atemzug quasi als zusammengehörige Trias genannt.
Etwas spät dran war er schon, der Impressionismus in Deutschland. Dafür hat er dann aber auch wirklich etwas zu bieten und ist nicht nur ein epigonaler Abklatsch der französischen Vorläufer. Eigentlich wäre zumindest phasenweise noch Fritz von Uhde zu nennen, auch wenn er nicht in jene Berliner Jahre von 1899 bis 1914 passt, denen sich der vorliegende Band aus der künstlerischen Perspektive Slevogts widmet, und in denen die oben genannte Trias die Berliner Sezession und damit einen Gutteil der Berliner Kunstöffentlichkeit beherrschen.
Man darf ebenfalls nicht vergessen, dass zu dieser Zeit zig mehr oder weniger kurzlebige Kunstströmungen der Moderne um die Gunst des Publikums buhlen, darunter diverse expressionistische Gruppierungen, Futurismus, Dada, der in Aufbruch begriffene Kubismus etc.
Schon früh, 1892, erhält Slevogt wegen seiner Bilder in München den Beinamen „Der Schreckliche“. Aus heutiger Sicht natürlich ein Kompliment, hat er sich doch zunächst mit seiner eher am Realismus als am Klassizismus orientierten Malweise vom konservativen Kunstgeschmack entfernt. Wenn man bedenkt, dass zu dieser Zeit sogar noch in Berlin eine Edward-Munch-Ausstellung vorzeitig wieder geschlossen werden muss, weiß man, in welcher Atmosphäre Max Slevogts Werdegang beginnt.
Slevogt selbst orientiert sich dann neben anderen französischen Malern insbesondere an Monet und Manet; Farbgebung und Licht werden in seinen Bildern immer wichtiger. Der Bildband zeigt seine künstlerische Entwicklung während der sog. Berliner Jahre nicht rein chronologisch, sondern sinnvoll nach Themen bzw. Genres gegliedert: „Selbstbildnisse und Familienporträts“, „Landschaftsimpressionismus – Die pfälzischen Landschaften“, „Das Theater – Die Entwicklung des Schauspieler-Rollenporträts“ und „Max Slevogts grafisches Schaffen“. Insbesondere letzteres Kapitel hätte gerne noch etwas ausführlicher ausfallen können, verweist es doch auf einen sehr variablen Slevogt. Gerade anhand der grafischen Werke könnte man trefflich darüber streiten, ob Slevogt nun ein Impressionist war, oder ob der impressionistische Stil nicht 'nur' ein, wenn auch sehr gewichtiges, Stilelement seiner umfassenderen künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten war.
Die die Kapitel einleitenden Texte u.a. von Nicole Hartje, Sabine Fehlemann und Bernhard Geil versuchen dabei immer, die gewählte Zeitspanne in das Gesamtwerk und in die gesellschaftlichen bzw. politischen Ereignisse, auch durch Rückblick und Ausblick, einzugliedern. Dass es bei mehreren Autoren gelegentlich zu Redundanzen kommt, kann verschmerzt werden; so sind denn aber auch die Beiträge unabhängig voneinander les- und verstehbar. Einzelbeiträge zu einer Vielzahl der Gemälde und eine ausführliche und bebilderte, tabellarische Gesamtbiografie von Max Slevogt runden den stimmigen Bildband ab.
Die zugehörige Ausstellung im Max-Liebermann-Haus in Berlin läuft noch bis zum 4. September 2005.
Olaf Selg
Abb.: Faschingsball der Berliner Sezession 1907.
Sabine Fehlemann (Hg.): Max Slevogt: Die Berliner Jahre. Wienand. 2005. Geb. 206 S. mit 81 farb- und 106 sw-Abb. 39,80 ¤. ISBN 3-87909-862-X