"Ende der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts fiel mit der Demokratisierung der Produktionsmittel durch erstmals erschwingliche Computer und Programme für jedermensch eine neue Entwicklung im Popbereich zusammen: Der Aufschwung der elektronischen Musikbewegung und deren Partys. Unkonventionalität, wechselnde Orte, improvisiertes, ekstatisches Feiern ohne lächerliche Dresscodes waren die charakteristischen Erscheinungsmerkmale. Die Illegalität der aussergewöhnlichen Orte schuf die Notwendigkeit, diese Zeremonien entsprechen zu bewerben ohne sie vollends zu verraten, Herkömmliche Stadtmagazine und Veranstaltungskalender fielen also aus. Der Flyer wurde zum optimalen Informationsmittel ..."
Marc Wohlrabe, ehemals Herausgeber des Magazins "Flyer" und damit ausgewiesener Kenner der Materie, gibt dem vorliegenden Band diese kompakte Zusammenfassung mit auf den Weg. Sie umreißt zugleich auch die mögliche Hauptgefahr, die einem Projekt droht, das einen Bestandteil der Pop- bzw. Undergroundbewegung geordnet zu erfassen versucht: das Dahinsiechen zwischen zwei schweren Buchdeckeln.
Aber Herausgeber Mike Riemel und sein Team haben es geschafft, mit einem der Materie "Flyer" entsprechenden aufgelockerten Gestaltung und einer gelungenen Mischung zwischen informativen Textbeiträgen und Bildbeispielen (2.500 Abb. !) den Flyer als erweitertes "Street-Art"-Phänomen auch in der Buchretorte lebendig erscheinen zu lassen.
Selbst in dem Kapitel "Flyer Research - Der Party-Flyer als Kommunikationsmedium" gelingt der schwierige Balanceakt zwischen (semi-)wissenschaftlicher, exemplarischer Analyse etwa von Flyer-Formen und -Funktionen, ohne sich in übertriebenen Niederungen des Soziologie- oder des Designstudiums zu verlieren und den Flyer als lebendiges Medium zu verraten und unter Wert zu verkaufen.
So bleibt in dem Band durchgehend eine gewisse Faszination für die kleinen, bunten Wegweiser spürbar, insbesondere auch in den vielen Kurzinterviews mit Praktikern aus der Musikszene.
Wie viele andere Szenen sich den Flyer inzwischen für ihre Themen nutzbar gemacht haben, wird ebenfalls umfassend in Text und Bild dargestellt, wobei dann, wenn es etwa um "Politische Flyer" geht, auch eine Verknüpfung mit der "Geschichte des Flugblatts" nicht fehlt.
Wird der Papierflyer überflüssig werden durch Internet und SMS? Einem möglichen Bedauern steht die nüchterne Zukunftsaussicht gegenüber, dass gut ist, was der Mitteilung dient, ästhetisch gestaltbar und darüber hinaus entsprechend kostengünstig ist. Sentimentalität ist da eher fehl am Platz.
Der umfassende Abbildungsteil ist zwar mehrheitlich auf Deutschland und auf westeuropäische Länder ausgelegt, immerhin finden sich aber auch ein paar nette Beispiele aus Japan, den USA, Brasilien und Mexiko. Schön ist auch ein Anhang mit Links zu Webseiten für das weiterführende Studium daheim.
Von Olaf Selg

Mike Riemel (Hg.): Flyer Soziotope.
Topographie einer Mediengattung.
Dt. u. Engl.
Archiv der Jugendkulturen e.V. 2005.
608 S. 40,00 ¤.
ISBN 3-86546-032-1