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Samstag, 04. Februar 2012 | 14:20

 

H. Hauswald /L. Rathenow: Ost-Berlin.

26.01.2006


Bonjour Tristesse?

Autor Lutz Rathenow und Fotograf Harald Hauswald bieten in dem Band "Ost-Berlin. Leben vor dem Mauerfall" einen illustrierten Spaziergang durch den Ost-Berliner Alltag bis zum Fall der Mauer an.

 

Wie hoch war eigentlich die Freitodrate in der DDR bzw. in Ostberlin? Verinnerlicht man zunächst die Oberflächenstimmung von einem Großteil der Fotos, zusammengesetzt aus Stadtansichten des Verfalls oder der öden Modernisierung plus ihrer Bewohner, würde man zweistellige Prozentzahlen erwarten. „So kann man doch nicht leben“ hört man sich innerlich stöhnen, und weiß doch im nächsten Augenblick: Abgesehen natürlich von den Automobilen sah es etwa im Ruhrgebiet lange Zeit auch nicht besser aus. Oder heute noch in Gütersloh?

Dies zu zeigen ist und war allerdings nie verboten, während die DDR-Oberen den vorliegenden Band über den verstolperten Versuch, aus Ruinen aufzuerstehen, bei seinem erstmaligen Erscheinen 1987 am liebsten verboten hätten – wäre er nicht im Westen veröffentlicht worden. Doch hielt man in der DDR-Führung trotzdem nicht hinterm Berg mit seiner Meinung über das Erscheinen des Buches als „unfreundlichen Akt“ – prima Propaganda für den Verkauf im Westen; behaupte da noch einer, die Genossen hätten nichts von Marktwirtschaft und Werbestrategien verstanden.

Der Buchtext wurde für die nun vorliegende Neuausgabe nur „leicht redigiert“ und lediglich einige Fotos hinzugefügt. Dies zu wissen und auch das Vorwort zu kennen ist nicht unwichtig, würde man sich sonst über den Tonfall im Buch und darüber wundern, wie wenig zentral das Geschehen um den Mauerfall und eine mögliche politisch-gesellschaftliche Ursachenforschung thematisiert werden. Jedoch: "Text und Fotos sind gleichzeitig Beleg lustvoll gelebter Ost-Identität und Ausdruck oppositionellen Verhaltens gegen den Staat. Das beginnt mit dem Titel: Ost-Berlin wurde nur im Westen Deutschlands so genannt; eigentlich musste es nach dem Willen der DDR 'Berlin – Hauptstadt der DDR' heißen."

Nach der Lektüre des Textes und dem Betrachten der Bilder bleibt das Gefühl: das hätte ewig so weitergehen können mit der DDR, mit Ost-Berlin. Von einem Engpass bei der Bierproduktion ist nie die Rede und man arrangierte und amüsierte sich in einer bröckeligen Hinterhofgemütlichkeit. Eigentlich gab es also für den Durchschnittsostberliner insbesondere im Bezirk Prenzlauer Berg keinen Grund für einen Aufstand. Mies gelaunt und unhöflich ist der Berliner sowieso, ob mit oder ohne Mauer (dass er sich über den Fall der Mauer wirklich gefreut haben soll, gehört wohl sowieso ins Reich der Fabel). Deutlich wird: trotz – oder gerade wegen – aller Schwächen und Schrulligkeiten war Ost-Berlin nicht nur für den in der DDR verbotenen Autor Rathenow und den Fotografen Hauswald ein faszinierender Ort, oder wie Rathenow es pointiert ausdrückt: "Der Westen im Osten."

Von Olaf Selg




Harald Hauswald /Lutz Rathenow: Ost-Berlin.
Leben vor dem Mauerfall.
Text/Bildband. Dt./Engl.
Jaron Verlag. 2005.
Brosch. 128 S. mit zahlr. sw-Abb. 12.00 ¤.
ISBN 3897735229

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