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Donnerstag, 09. Februar 2012 | 04:53

 

Klaus Albrecht Schröder: Egon Schiele.

20.04.2006

Die Kraft der Linie

Klaus Albrecht Schröder, der Autor des Bandes Egon Schiele, stellt in seiner Einleitung selbst indirekt die Frage: Wozu noch ca. 2,5 kg mehr Text und Bild über Egon Schiele (1890–1918), da über dessen viel zu kurzes Leben doch schon nahezu alles veröffentlicht und so vieles geschrieben wurde?

 

Wer es selbstbewusst wagt, das eigene Vorhaben in Frage zu stellen, muss eine gute Antwort parat haben. Schröder hat sie. Er spricht von einem „Paradigmenwechsel“ in der Interpretation der Bilder von Schiele in den „letzten zehn Jahren“: Der Weg führe weg von einer „individualpsychologischen Lesart“ und hin „zur Einsicht in die theatralische Struktur von Schieles Schaffen“, immer mehr würden mit „performativem Charakter und Inszenierung als Wesenskern von Schieles Kunst jene kulturellen Präformierungen in den Blick geraten, die die Einbildungskraft des Künstlers befeuert haben“.

Das beruhigt, denn damit ist nicht zu erwarten, dass Schieles großartiges Werk einmal mehr unter einem schwammigen Geniebegriff in den Himmel gelobt, nicht aber in seiner realen Ausprägung – mit Mut zur Hässlichkeit, zur Darstellung von Sexualität, zur anormalen Gestik – untersucht wird, die schon immer eine auch bodenständige Motivation nahe gelegt hat.

Nach einem ausführlichen tabellarischen Lebenslauf Schieles schildert Schröder zunächst zusammenfassend „Leitmotive und Gestaltungsprinzipien im Werk Egon Schieles“. Dieser Text ist erfrischend kurz gehalten, so dass man nicht vorab von einer in sich geschlossenen theoretischen Abhandlung erschlagen wird.
Vielmehr begleitet Schröder im anschließenden, sehr ausführlichen Katalogteil einzelne Werke und Motivgruppen kommentierend. So stehen stets die Bilder im Vordergrund der Erkenntnis und Interpretation, und die eigenen theoretischen Ansätze müssen immer wieder ihre Richtigkeit und Berechtigung beweisen.

Viele seiner Modelle – und auch der Künstler, der sich in vielen Bildern selbst als Modell diente – scheinen für die Zeit, in der Schiele sie malte, theatralische Posen einzunehmen. Dieses 'Posing' ist wohl gerade für die vielen sexuell geprägten Darstellungen notwendig gewesen, da für Schiele zwar die Zeit des „unschuldigen“ Akademismus vorbei war, an eine (oftmals dann auch noch im Sinne der gängigen Ästhetik unschöne) Darstellung der Sexualität ohne die Distanz schaffende Zwischenebene der inszenierten Pose zumindest mit Blick auf eine allzeit drohende öffentliche Skandalisierung aber auch noch nicht zu denken war.
In den vielen Bildern mit Kindern scheint der Aspekt der Inszenierung jedoch zurückzutreten: Die Modelle zeigen sich, bieten sich aber nicht in jeder Hinsicht an; hier ist es eher Schiele allein, der absichtsvoll (farbliche) Betonungen setzt.

In der Auseinandersetzung mit der Linienführung bzw. der Malweise Schieles wird die Aufmerksamkeit neben eigenwilligen Kolorierungen u. a. auf die Kunst des Weglassens, die Präsentation der Modelle im gleichsam luftleeren Raum, ohne Atelierinterieur, gelenkt.

Wo es angebracht ist, verweist Schröder auf zeitgeschichtliche Umstände und Strömungen, (vorübergehende) Leitbilder wie Gustav Klimt oder Oskar Kokoschka fehlen ebenso wenig wie Wiener Jugendstil und Wiener Expressionismus. Von alledem aber hebt sich Schiele entscheidend ab: mit seiner „unakademischen Choreografie des Pathologischen“.

Von Olaf Selg



Abb.: Aktselbstbildnis, 1910







Klaus Albrecht Schröder: Egon Schiele.
Prestel 2005.
420 Seiten, geb., 341 farb. Abb.
59,00 Euro.
ISBN: 3-7913-3644-4

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