Wer in ein Kino geht, weiß, welchen Film er anschauen wird, und vielleicht sogar schon ziemlich genau, was dieser beinhaltet, da die Kinoberichterstattung in den übrigen Medien weit verbreitet ist. Man weiß auch, wann der Film anfangen wird.
Wer in eine Bilder- oder Fotoausstellung geht, kann sich ebenfalls vorab in anderen Medien ausführlich informieren, besitzt vielleicht sogar schon einen Katalog. Und er weiß, dass Anfang und Ende des Ablaufs zwar vorgegeben sind, er aber den Zeitpunkt des Beginns und auch die Reihenfolge frei wählen kann.
Wer in eine Videokunst-Ausstellung geht, kann auf all diese Parameter zumeist nicht zurückgreifen. Schon die Vorabinformation ist eine Crux. Zwar könnte gerade das Fernsehen gut berichten, aber eine Berichterstattung über Videokunst bzw. Experimentalfilme gilt nicht gerade als Quotenknüller. Und andere Medien ohne Bewegtbilder vermögen dem Rezipienten ohne Vorkenntnisse oftmals keinen wirklichen Eindruck zu vermitteln.
Wenn man sich von der "Fetischisierung" der Ausrüstung lösen kann, müsste zumindest für alle "kinematografischen Installationen", bei denen ein spezieller Raumgedanke und/oder Mehrfachprojektionen keine entscheidende Rolle spielen, die Kunst der Projektion jenseits des Kinos eigentlich einen ganz anderen Weg gehen: raus aus dem Museumsghetto, rauf auf günstig produzierbare DVDs oder CD- ROMs und rein in die Wohnungen, wo Computer und DVD-Player auf immer neues Futter warten, manchmal sogar in Verbindung mit einer Home-Cinema-Anlage für den gehobenen Anspruch. So könnte bezüglich der Projektion die "Entlarvung des Paradigmas der Illusion der Höhle", von der Stan Douglas und Christopher Eamon in Anlehnung an Platons Höhlengleichnis sprechen, durchaus zu Hause stattfinden.
Anders ausgedrückt: Wie schon in der Fotografie könnte man sich in der Kunst mit Bewegtbildern die technische Reproduzierbarkeit des Kunstwerks zu Nutze machen. Man setzt aber weiterhin auf exklusive Museumspräsentation - wohl auch, um die Marktpreise stabil hoch zu halten - und auf Kataloge ohne Trägermedien für Beispielwerke.
Die Abgleichung von Katalogbeiträgen mit den entsprechenden Produkten aus Bewegtbildern ist dadurch schwierig - wenn nicht sogar unmöglich. Daher ist es positiv zu bemerken, dass die vorliegenden Textbeiträge so gehalten sind, dass sie sich i. d. R. nicht am Einzelfall abarbeiten, sondern sich allgemein mit der im Zentrum stehenden Problematik befassen und den Weg von den (verspielten), oft auch multimedial angelegten Experimenten der 60er-Jahre hin zu den an einer erzählerischen Struktur angelegten Werken der 90er aufzeigen.
Der Katalogteil zu einzelnen Werken versucht dann entweder mit großformatigen Abbildungen oder mit Bildfolgen bzw. -sequenzen erste Eindrücke zu vermitteln.
Die präsentierten 27 Werke (natürlich vertreten: Marcel Broodthaers, VALIE EXPORT, Bruce Naumann, Nam June Paik, Andy Warhol, aber auch Youngster wie Pipilotti Rist oder Peter Welz) sind in die Kapitel "Trugbilder", "Selbstumrundungen", "Fundus Kino", "Körperansichten", "Grenzgänger" und "Lichtspiele" gegliedert.
Insgesamt ist so ein die letzten Jahrzehnte resümierender Band entstanden, der seine Stärke insbesondere dann ausspielen kann, wenn man die zugehörige Ausstellung auch selbst besucht und dabei die Kunstwerke gesehen hat.
Von Olaf Selg

Abb.: VALIE EXPORT: Adjungierte Dislokationen; 1973.
Joachim Jäger, Gabriele Knapstein, Anette Hüsch (Hg.): Jenseits des Kinos: Die Kunst der Projektion. Filme, Videos und Installationen von 1963 bis 2005. Text von Stan Douglas, Christopher Eamon, Anette Hüsch, Joachim Jäger, Gabriele Knapstein, Britt Schlehahn u. a. Hatje Cantz 2006. Dt. 152 Seiten, 105 (Farb-)Abb. ISBN 978-3-7757-1873-8
Die zugehörige Ausstellung im Hamburger Bahnhof in Berlin läuft noch bis zum 25. Februar 2007.