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Dienstag, 22. Mai 2012 | 13:26

 

Neue deutsche Malerei.

04.10.2007

Der Club der angehenden Millionäre

Unglaublich, diese (nicht mehr ganz) jungen deutschen Maler: pinselten sich in den letzten Jahren in Amerika ganz nach vorne. Verdrängen die YBAs (Young British Artists) und machen als YGAs Furore.

 

Dabei scheint es besonders wichtig zu sein, irgendwo in der Biografie „Leipzig“ oder „Dresden“ stehen zu haben, und schon kaufen die Amerikaner fast alles, so versessen sind sie auf die Bilder aus der Region des ehemaligen kleinen Klassenfeinds. Warum? Die im Osten haben quasi in einer traditionsbewahrenden Schutzzone noch das Malerhandwerk gelernt, sagt man, und diese Tradition wird offenbar auch nach dem Mauerfall weitergeführt. Diese andere handwerkliche Malbasis scheint auch inhaltliche Anknüpfungspunkte zur Folge zu haben, so dass man eher das „Deutsche“ in dieser Kunst wiederzuerkennen vermag – siehe zum Beispiel Norbert Biskys Körperkult oder seine Quadratschädel, jüngst beim Art Forum in Berlin für 45.000 Euro angeboten –, wobei, wie an diesem Beispiel ebenfalls festzumachen ist, dieses spezifisch „Deutsche“ auch sehr klischeebeladen sein kann.

Unterhaltsam und detailliert stellen Christoph Tannert und Graham Bader diese Entwicklung in zwei Essays aus deutscher bzw. amerikanischer Sicht dar. Der Amerikaner Bader bietet die gröber zusammenfassende Sichtweise von außen: „Bei der deutschen Malerei ... geht es um malerisches Können und den historischen Widerhall sowie einstudierte Ernsthaftigkeit.“ Tannert dagegen liefert den auf historische Wurzeln und Einzelbezüge abhebenden, detaillierteren Blick aus dem Inneren, mit durchaus kritischen und erfrischend spöttischen Seitenhieben auf den ganzen Kunstzirkus.

Die Qualität der künstlerischen Arbeiten, das zeigt sich schon beim ersten Durchblättern der 31 in mehrseitigen Einzeldarstellungen präsentierten Künstlerinnen und Künstler (von Franz Ackermann über Tim Eitel, Antje Majewski und Jonathan Meese zu Amelie von Wulffen; leider fehlt zu den beteiligten Künstlern eine griffige Inhaltsübersicht im Band), ist sehr unterschiedlich, wobei die Ostschulen nicht wirklich Garanten für eine stimmigere bildnerische Gegenwartsbewältigung sind.

Eine deutsch-nationale Pinselführung soll aber nicht begründet werden. Nationalität scheint auch für die Maler kein bewusster Hintergrund zu sein, sondern hier greift eher ihre örtliche Zugehörigkeit im Alltag (natürlich mit Berlin im Zentrum der neuen Malbewegung). Von den Altvorderen, etwa „Immendorffs frühem Daherschwätzertum“ (Tannert) oder den inzwischen veralteten „Jungen Wilden“ setzt man sich ganz einfach durch eine andere Zeitgenossenschaft ab: Tannert konstatiert bei den jüngeren Malern ein fortgeschrittenes „mediatisiertes Sehen“, ein „vielschichtiges Ausloten der Zeitdimensionen im Prozess des Zeichengebrauchs“ sowie „Distanzierungspositionen“ und er sucht ihre Bezüge zu „soziokulturellen Problemen“. Schlussendlich scheint eine ihrer Kernkompetenzen das Zulassen von „Langsamkeit“, das „out of time“-Sein, das Setzen auf „Langzeitwirkung“ zu sein.

Insgesamt demonstriert der Band überzeugend, dass die gute alte Tafelbildmalerei auch im Computerzeitalter noch lange nicht am Ende ist, sondern von den Künstlern geschickt angepasst bzw. erweitert wird. Und indem er dies aufzeigt, erfüllt Tannert seinen selbstgewählten Anspruch, mit „subjektiven Auswahlkriterien“ und „Mut zur Lücke“ ein „Nachschlagewerk für Liebhaber und Adoranten“ anzubieten.

Von Olaf Selg




















Abbildung: Bernhard Martin: Ich mich selbst und du mich auch. 2005.
Christoph Tannert (Hg.): Neue deutsche Malerei. Remix. Prestel Verlag 2007. 256 S. 210 farb- und 30 s/w-Abb. Dt./engl. 49,95 ¤. ISBN 978-3-7913-3810-1

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