Das neue Freizeit-Magazin für Architektinnen (und andere Leser) liegt schwer in der Hand. Seine vielen Zutaten würfeln sich zusammen aus ein bisschen Kunst und Fotografie, ein bisschen Mode und Sport, ein bisschen Literatur und Reise, ein bisschen Technik und Forschung, ein bisschen Architektur. Von allem und für jeden etwas.
Auf jeden Fall soll es mehr als Architektur sein, wenn es nach dem Wiener Chefredakteur Wojciech Czaja geht. So ziert sich 91° mit dem Untertitel „More than Architecture“. Auch das eine Grad mehr als der 90-Grad-Winkel verweist auf den Unterschied: den Unterschied zur Rechtwinkligkeit.
Neue Blickwinkel?Beim Blättern zeigt sich dem Leser eine illustre Vielfalt an Themen und Bildern. Ein Dialog entspannt sich zwischen Mode und Architektur. Das Grenzgängertum der jungen Gestaltergeneration in Europa findet genauso Erwähnung wie die fahrbaren Untersätze der Architekten. Wir bestaunen die Privatwohnung von Hans Kollhoff und blicken hinter die Kulissen der Entwicklungslabors von Eternit. Natürlich gibt es auch jede Menge Häuser zu sehen. Alle schön bunt, mit Faserzementplatten verkleidet, ohne Pläne. Dazwischen einige literarische Einstreusel oder amüsante Zahlenfakten rund um das Thema Bauen. Hochkonzentriert werden die Rituale beim japanischen Bogenschießen beschrieben und Teneriffa von seinen besten Seiten vorgeführt.
Das Ganze ist grafisch extrem ansprechend und übersichtlich aufgemacht. Wirklich erwähnenswert ist die unverwüstliche Fadenbindung in freundlich ansprechendem Türkis. Nicht zu vergessen die Schlaufe mit dem aufgedruckten Schriftzug „91°“, die praktisches Accessoire ist (z.B. beim Aus-dem-Regal-ziehen) und gleichzeitig zum Markenlabel wird.
Warum nur bleibt so wenig zurück nach dem Blättern und Lesen?„Das Geheimnis liegt in der Komposition der richtigen Rohmaterialien“, verrät der Leiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung der Dansk Eternit Holding in Aalborg in einem Artikel über das dänische Faserzementlabor. Das ist wie beim Kochen. Ein gutes Rezept und ein guter Koch, der die Zutaten entsprechend „komponiert“ - das führt in den meisten Fällen zu einem kulinarischen Genuss. Wenn nun aber die im Rezept aufgelisteten Zutaten nicht frisch sind? Dann hilft auch das beste Handwerkszeug nicht weiter. Das Rohmaterial von 91° ist noch zu sehr dem Diktat und der Einschränkung der Faserzementplatte unterworfen, als dass ein genüsslich goutierbares Endprodukt entstehen könnte.
Faserzement an allen Ecken und Enden?Gemeinsame Herausgeber des neuen Crossover-Magazins sind die Eternit-Werke Ludwig Hatschek AG (Österreich) und die Dansk Eternit Holding A/S (Dänemark). Unternehmen als Herausgeber? Ist 91° nun ein neues Magazin oder eine neue Kundenzeitung? Vielleicht hätten sich die Herausgeber genau das besser überlegen sollen. „Wir freuen uns, Ihnen eine Lektüre anbieten zu können, die es unserem Wissen nach in Europa noch nicht gibt." erklärte Michael Hofer, CEO der Eternit-Werke Ludwig Hatschek AG, bei der Präsentation der Erstausgabe in Wien. Sollte dies wirklich ernst gemeint gewesen sein, dann muss zumindest der Horizont der vorgestellten Architekturprojekte erweitert werden und darf nicht durch Faserzementplatten eingegrenzt bleiben.
91° erscheint zweimal jährlich. Die nächste Ausgabe ist für Ende Mai/Anfang Juni angekündigt. 91° wird in ganz Europa vertrieben und erscheint auf Deutsch und Englisch.
Birgit Seidel

Eternit Österreich; Dansk Eternit Holding (Hg.): 91° - More than Architecture.
Birkhäuser Verlag, 2008.
dt./engl. Broschur. 152 S. 26,00 Euro
ISBN-13: 978-3-7643-8716-7.