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Dienstag, 22. Mai 2012 | 13:36

 

Die unbequeme Zeit. Das Jahrzehnt um 1968.

31.07.2008

Die Inszenierung der 68er

Rudi Dutschke - emphatisch am Rednerpult mit dem Heiligenschein des Scheinwerfers, Herbert Marcuse - bedächtig auf dem Podium im Auditorium Maximum der FU Berlin, Fritz Teufel und Rainer Langhans - leicht lächerlich in langen Mänteln auf dem Tisch in der Kommune 1. Studenten demonstrieren auf dem Kurfürstendamm in Berlin und das Ehepaar Schönigh liegt im Bett, er liest „Zeit“, über ihnen an der Wand die Porträts von Luxemburg und Liebknecht.
Von Matthias Struch

 

Michael Ruetz (Jg. 1940) hat wie kaum ein anderer Fotograf mit seinen Bildern die Vorstellung von den deutschen 68ern geprägt. Seine Fotografien sind zum wesentlichen Teil des visuellen Gedächtnisses unserer Gesellschaft geworden. Ruetz Bilder sind Zeitdokumente, geronnen und verdichtet, und damit auch Kunst.
Als Student der Sinologie in Berlin, wird Ruetz in den späten 1960ern vom aktiven Mitglied der Studentenbewegung zu ihrem Chronisten und Dokumentaristen. Die Nähe zu den Ereignissen und Protagonisten ist in den Fotos deutlich zu spüren. Doch Ruetz Blick erfasst nicht nur die Ereignisse in der BRD. Reisen, oft im Auftrag des „Sterns“, führen ihn in diktatorische Regime wie Griechenland (1969), und zu Orten politischer Umbrüche, nach Peru (1970), Chile (1973), Guinea-Bissau (1974) oder Portugal (1975). Ab 1967 fotografiert er in der DDR (Berlin, Dresden, Weimar) und am 25. August 1968 ist Ruetz auf dem Wenzelsplatz in Prag.

Anlässlich der Ausstellung „1968. Die unbequeme Zeit - Fotografien von Michael Ruetz“ in der Akademie der Künste, Berlin (noch zu sehen bis 31.8.2008) hat der Steidl Verlag Göttingen einen umfangreichen Bildband mit 130 überwiegend schwarz-weißen Ruetz-Bildern des Jahrzehnts vorlegt. Buch (und Ausstellung) präsentieren mehr als revoltierende Studenten im Hörsaal und auf der Straße, dokumentieren nicht nur die Dynamik politischer Bewegungen jener Zeit.
Neben Dutschke, Beuys und Klarsfeld sind auch Kohl und Brandt zu sehen. Beleuchtet werden das bundesdeutsche bürgerliche Seelenklima ebenso wie politisch-ideologische Inszenierungen im öffentlichen Raum der DDR. Daneben aber öffnen die Bilder den Blick auf eine Welt in Aufbruch und Bewegung, auf ein Klima der Befreiung und Emanzipation.

Editorisch ist das Buch wieder eine beeindruckende Leistung, Druckqualität und Layout bleiben ohne Kritik. Die Fotos sind datiert und verortet. Aufsätze von Rolf Sachsse und Ruetz ergänzen den schönen Bildband. Während Sachsse über das Essayistische in der Kunst des Fotografen und Autoren Ruetz reflektiert, über Arbeitsweisen und Bildentstehungen berichtet und Kunsthistorisches in den Fotografien findet, liefert Ruetz in essayistischer Weise Einblicke in seine Sicht auf das, was heute mit den 68ern verbunden wird, und wie es ihm möglich wurde, es zu fotografieren.

Matthias Struch


Abb.: 03.07.1967

Michael Ruetz: Die unbequeme Zeit. Das Jahrzehnt um 1968. Mit Texten von Michael Ruetz und Rolf Sachsse. Steidl 2008. 224 S. mit 120 Abb. in Tritone. ¤ 40,00. ISBN 978-3-86521-668-7

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