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Dienstag, 22. Mai 2012 | 13:41

 

Max Ernst: Traum und Revolution.

27.11.2008

Die Revolution kommt von innen

Die Ausstellung "Traum und Revolution" über den Künstler Max Ernst (1891–1976) wird leider nur in Dänemark und Schweden zu sehen sein. Bleibt hierzulande der Weg ins Max Ernst Museum in Brühl bei Köln oder in den Buchladen. Von Olaf Selg

 

Aber irgendwie ist der Ausschluss der hiesigen Öffentlichkeit auch folgerichtig, wurde Ernst doch zu Lebzeiten spätestens mit der Zugehörigkeit zur sog. "Entarteten Kunst" dauerhaft aus Nazideutschland herausgeekelt. So nahm er zunächst die französische und dann die amerikanische Staatsbürgerschaft an, obwohl er in beiden Ländern anfangs als "feindlicher Ausländer" verhaftet worden und ebenfalls nicht wirklich willkommen war. Es verwundert, dass ihm bei dieser Odyssee der Humor nicht vergangen ist. Dieser ist vielmehr eine auffällige Konstante in seinem Werk, trotz wechselnder Entwicklungen und Strömungen über Dada und Surrealismus hin zu einem komplexen, viele Aspekte vereinenden Spätwerk.

Schön ist, dass im Band der Traumdeutungshokuspokus von Sigmund Freud nur eine marginale Rolle spielt, entgegen der durch den Titel "Traum und Revolution" zunächst naheliegenden, intensiven Bezugnahme. Anstatt das (teilweise sehr surreale) Werk also einmal mehr auf "das Unterbewusste" zu reduzieren, zeigen die Autoren andere Wege zum Schaffen von Max Ernst auf. Zentral sind die historisch-zeitliche und die regionale Annäherung, wobei die Aufenthaltsräume (Deutschland, Frankreich, Amerika, Europa) mit den Zeitströmungen und -ereignissen ("Künstlerische Anfänge und Dada in Köln", "Im Kreis der Surrealisten", "Jahre im Exil", "Rückkehr und späte Anerkennung") parallel geführt werden.

Eingefügt werden hier einzelne ausführlichere Analysen, die die Motive zu entschlüsseln versuchen bzw. verdeutlichen, warum das Entschlüsseln schnell an seine Grenzen stößt und schon gar nicht über die Bildtitel funktioniert – wer ist denn nun "Loplop, le Supérieur des oiseaux", der einen Vogelkopf hat und aussieht wie eine Malerpalette? Der "Dadamax" selbst, in ewiger Kindlichkeit? Das zu klären, ist aber letztendlich auch gar nicht so entscheidend; wesentlicher ist das sinnliche Vergnügen, das einem die Werke von Max Ernst beim Betrachten bereiten.

Wichtig sind auch die Kurzaufsätze zu einzelnen zentralen Gesichtspunkten oder Werkgruppen seines Schaffens. Hervorzuheben ist hier für das Gesamtverständnis des Text-Bild- und Werkstoff-Kombinierers Max Ernst der Aufsatz "Bücher und Collageromane". Die Artikel "Zum Verhältnis von Sprache und Bild" oder "Plastiken – Konstruktion der Inspiration" verdeutlichen dagegen auch, dass in dem Band nicht alle bedeutsamen Inhalte erschöpfend dargestellt werden können. Darüber hinaus wünscht man sich auch ein paar Worte mehr zu Max Ernsts Humor bzw. Ironie oder zu der auf dem Umschlag angesprochenen Verbindung zwischen "Max Ernsts Fantasiewelten und Reisen in die Cyberwelten moderner Computerspiele".

Abgerundet wird der Band durch kurze Erläuterungen zu einigen von Ernst besonders bevorzugten oder sogar erfundenen Techniken – wer weiß schon aus dem Stegreif, was genau Collage, Frottage, Grattage, Dekalkomanie oder Oszillation sind? Ohne diese Texte wäre der Band, der einen gelungenen Einstieg in das Werk von Max Ernst anbietet, wesentlich schwerer zu verstehen.

Olaf Selg



















Abb.: Loplop, le Supérieur des oiseaux, 1928

Werner Spies, Iris Müller-Westermann, Kirsten Degel (Hg.): Max Ernst: Traum und Revolution. Text von Ludger Derenthal, Julia Drost, Benjamin Meyer-Krahmer, Iris Müller-Westermann, Jürgen Pech, Werner Spies, Tanja Wessolowski. Hatje Cantz 2008. 256 S., 288 Abb., davon 218 farbig. ISBN 978-3-7757-2234-6


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