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Dienstag, 22. Mai 2012 | 13:43

 

Ausstellungstipp: Gute Aussichten - Junge Fotografie

05.02.2009

Zwischen Leere und Überinszenierung

Die abwechslungsreichen Gewinnerarbeiten des Nachwuchswettbewerb Gute Aussichten – Junge deutsche Fotografie 2008/2009 sind bis zum 1.3.09 in den Hamburger Deichtorhallen zu entdecken. Von Andrea Henkens

 

Großformatige Farbaufnahmen mit leeren Innenraumsituationen, ein inszeniertes Familienschicksal oder Stripperinnen im Fotolabor – die Bandbreite der Gewinner des diesjährigen Fotowettbewerbs Gute Aussichten ist groß. Die einzelnen Bildserien zeichnen sich durch sehr unterschiedliche ästhetische, formale und konzeptionelle Ansätze aus und gewähren einen Einblick in aktuelle Themen, mit denen sich junge Fotokünstler im letzten Jahr in Deutschland auseinandergesetzt haben.

Die Arbeiten der Schau Gute Aussichten, die nach der Premiere in Hamburg in Stuttgart, Frankfurt am Main, Washington D. C. und an weiteren Orten zu sehen sein werden, sind nicht durch einen inhaltlichen Zusammenhang vereint. Auch bei der fünften Ausgabe dieser Fotoschau geht es einzig um einen Überblick aktueller Tendenzen. So hat die diesjährige Jury, der erstmals der Maler Norbert Bisky sowie die Leiterin der Kunstsammlung der DZ Bank Luminita Sabau angehörten, aus insgesamt 103 eingereichten Arbeiten von 39 deutschen Hochschulen, Akademien und Universitäten neun Gewinner ausgewählt. Zu sehen sind 174 einzelne Motive, neun Tondokumente, acht Postkarten, zwei Bücher, ein Postkartenständer und eine Seekarte.

Es gibt viel zu entdecken in den Deichtorhallen: Die Leipzigerin Laura Bielau (Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig) beispielsweise stellt in ihrer Serie „Color Lab Club" professionelle Stripperinnen zum Posen in die Dunkelkammer. Sie spielt mit unterschiedlichen Techniken und schafft so ganz neue Bildwelten, die nebenbei auch Bezug auf die Geschichte der Fotografie nehmen.

Die Kombination von Markus Georg (Hochschule für Gestaltung Offenbach) aus Möbelpackern und Umzugskartons erinnert an das Brandenburger Tor, Wäschestücke wecken Assoziationen an Stonehenge – die inszenierten Fotografien zitieren bekannte Orte – im drehbaren Postkartenständer zur Mitnahme bereit. Katrin Trautner (Fachhochschule Bielefeld) widmet sich in ihrer Serie „Morgenliebe" dem Thema Sexualität im Alter, einem gesellschaftlichen Tabu, womit sich auch der Regisseur Andreas Dresen in seinem letzten Film „Wolke 9“ auseinander gesetzt hat – offenbar ein brisantes Thema, alte Menschen in intimen Situationen zu porträtieren und dabei Falten und graues Haar zu zeigen. Sarah Strassmann (Fachhochschule Bielefeld) erkundet in ihren großformatigen, faszinierenden Tableaus mit dem Titel „The Void - Nothing but Space" das Thema Raum und die Darstellbarkeit von Leere.

Doch am meisten haben mich die Bilder von Maziar Moradi (Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg) beeindruckt, der in seiner Serie „1979" von den Schicksalsschlägen seiner Familie während der islamischen Revolution im Iran erzählt. Ähnlich wie ein Regisseur stellt er Schlüsselszenen nach und arrangiert filmisch wirkende Kompositionen, die an die inszenierten Fotografien eines Gregory Crewdson erinnern.

Politische Fragen, gesellschaftliche Themen oder Reflexionen über das Medium der Fotografie sind allen Arbeiten gemein. Ausgezeichnet wurden auch die Serien von Reza Nadji, der das aktuelle Stadtbild Teherans untersucht hat, die Aufnahmen von Bäumen in der Stadt von Florian Rexroth, Heiko Schäfers Boote afrikanischer Flüchtlinge sowie die abstrakte Reihe von Juergen Staack, einem Meisterschüler von Thomas Ruff, der sich mit der Verschlüsselung von Bildern auseinander setzt und so an die Grenzen der Fotografie stößt.

„Gute Aussichten“ bietet somit vor allem die Gelegenheit, junge Fotografen zu entdecken, denn viele von ihnen assistieren oder arbeiten nebenher in anderen Bereichen und sind auf dem Kunstmarkt (noch) nicht etabliert - hier sind sie in einer spannenden Vielfalt vertreten.

Und wer mit dieser Art der aktuellen inszenierten Fotografie gar nichts anfangen kann, dem sei die Schau New Color Photography der 1970er Jahre im Nebenkabinett empfohlen. Hier sind traditionelle Farbfotografien von Joe Maloney, Joel Meyerowitz, Stephen Shore und Joel Sternfeld noch bis zum 1. März zu sehen, bevor die Aufnahmen aus der Sammlung Gundlach aus konservatorischen Gründen wieder für Jahre im Depot verschwinden.

Andrea Henkens


Hamburg, Deichtorhallen – Haus der Photographie: Gute Aussichten 2008/2009. Junge deutsche Fotografie, bis 1.3.2009. Weitere Informationen und alle Bilder finden Sie unter www.guteaussichten.org

18.2.2009, 19 Uhr: Podiumsdiskussion zum Thema „Nackt und alt“ mit der Fotografin der Serie „Morgenliebe“ Katrin Trautner, einem von ihr porträtiertem Paar sowie den Jurymitgliedern Norbert Bisky, Josefine Raab und Ingo Taubhorn.

Maloney, Meyerowitz, Shore, Sternfeld. New Color Photography der 1970er Jahre, verlängert bis 1.3.2009.
Deichtorstrasse 12, 20095 Hamburg, Dienstag bis Sonntag 11–18 Uhr, Eintritt: 7,- Euro (erm. 5,- Euro). www.deichtorhallen.de

Abbildung 1: Laura Bielau: Color Lab Club
Abbildung 2: Maziar Moradi: 1979



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