Die Aufnahmen des britischen, in New York lebenden Fotografen sind in Deutschland kaum bekannt und waren bislang in diesem Umfang noch nicht in einer Museumsinstitution zu sehen. Erstmals richtet ihm nun das Museum Folkwang in Essen eine längst überfällige, groß angelegte Retrospektive aus, die von einem aufwändig gestalteten Fotoband begleitet wird.
Die Schau präsentiert elf seit den achtziger Jahren entstandene Werkkomplexe – insgesamt etwa 145 repräsentative Arbeiten.

Graham, 1956 in Stafford geboren, steht in der Tradition der britischen sozialdokumentarischen Fotografie, geprägt etwa von Bill Brandt und weitergeführt von Kollegen wie Martin Parr oder Tom Wood. Aber auch die Auseinandersetzung mit den amerikanischen Schwarzweiß-Fotografen Gary Winogrand, Lee Friedlander und Diane Arbus und mit den Farbfotografien von Stephen Shore und William Eggleston, lässt sich in Grahams Werk erkennen.

Für sein erstes Fotoprojekt
A1 – The Great North Road (1981–1982) reiste Graham entlang der englischen Nord-Süd Nationalstraße und dokumentierte den Alltag am Rande der Fernstraße: Es entstanden farbintensive Aufnahmen von leeren Parkplätzen, trostlosen Raststätten, Auffahrten, Porträts von Reisenden und LKW-Fahrern.
Leben am Rande der Gesellschaft
Im Mittelpunkt seiner frühen Arbeiten steht die soziale Tristesse der Thatcher-Ära, wie in der von 1984 bis 1985 entstandenen Serie
Beyond Caring, die unter anderem das englische Sozialsystem in Büros und Ämtern kommentiert. Graham fotografierte desillusionierte Antragsteller in überfüllten Warteräumen. Das Mobiliar wirkt abgenutzt, der Fußboden ist zum Teil mit Müll übersät. Die Trostlosigkeit der Situation, für den Graham den Blickwinkel eines Wartenden gewählt hat, vermittelt sich dem Betrachter direkt und unvermittelt.

In der Serie
Troubled Land (1984–1986) setzt Graham sich mit der Situation Nordirlands auseinander und kombiniert Landschafts- und Kriegsfotografie auf eindringliche Weise. Dabei zeigt er jedoch nicht die gängigen Motive von bewaffneten Kindern, Soldaten hinter Häuserecken oder Orte von Bombenattentaten, sondern eher unscheinbare Spuren. Reste von Wahlkampfplakaten, Farbspuren auf der Straße oder ein Hubschrauber am Horizont: Die Details wirken wie Fremdkörper in der saftig grünen Landschaft.

In den neunziger Jahren ändern sich die Motive: auf Reisen durch Westeuropa und Japan registriert Graham kulturelle Unterschiede, wie in den Serien
New Europe (1988–1990),
Empty Heaven (1989–1995) oder
End of an Age (1996–1998) deutlich wird, in denen zunehmend Jugendliche porträtiert werden. Graham beobachtet ihr kommerzialisierte Freizeitverhalten und den Umgang mit dem geschichtlichen Erbe.
Überblick über die wichtigsten ArbeitenAuch die beiden zuletzt in den USA entstandenen Serien
American Night (1998–2003) und
A Shimmer Of Possibilities (2004–2005) stellen alltägliche Situationen und Menschen auf der Straße in den Vordergrund – hier lassen sich Vergleiche zu Streetphotographern wie Beat Streuli, Jeff Wall oder Philip-Lorca diCorcia ziehen.

Es sind vor allem die Randzonen des Urbanen, das Leben am Rande der Gesellschaft, für die sich Graham interessiert. Insbesondere die Bilder aus
American Night konfrontieren den Betrachter formal wie inhaltlich mit gesellschaftlichen Unterschieden. Die Fotografien von einzelnen Schwarzen in amerikanischen Vorstädten sind extrem überlichtet, so dass die Motive kaum zu erkennen sind. Zwischen leeren Straßen, Parkplätzen oder heruntergekommenen Freiflächen, halten sich einsam wirkende Menschen auf. In dieser Helligkeit verschwindet das Elend fast. Diesen fast weißen Bildern stellt Graham farbgesättigte Aufnahmen von noblen Vorstadthäusern und unterprivilegierten Schwarzen auf der Straße gegenüber – ein Vergleich, der nicht unbedingt notwendig gewesen wäre, da die Aussage eindeutig ist. Aber diese Experimentierfreudigkeit sowie die Entwicklung neuer ästhetischer Ansätze und Präsentationsformen machen Paul Graham zu einem bedeutenden Fotografen unserer Zeit. Endlich gibt es einen lang erwarteten Überblick über seine wichtigsten Arbeiten.
Nach der Schau in Essen wird die Ausstellung im nächsten Jahr in der Londoner Whitechapel Gallery gezeigt, bevor sie danach ins Haus der Photographie in die Deichtorhallen nach Hamburg wandert (28.5.–28.7.2010).
Andrea Henkens
Essen,
Museum Folkwang: bis 5.4.2009, Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, Eintritt: 5 Euro (erm. 3,50 Euro).
www.museum-folkwang.deParallel sind Aufnahmen aus dem Zyklus
A shimmer of possibility noch bis zum 18. Mai im
Museum of Modern Art in New York zu sehen.
www.moma.orgDas in Leinen gebundene
Begleitbuch zur Ausstellung mit Essays von David Chandler, Russel Ferguson und Michael Almereyda sowie einer illustrierten Bibliografie und einem Werkverzeichnis ist bei steidlMACK zum Preis für 48 Euro erschienen (376 Seiten, 250 Farbabbildungen, 23,5 x 28,5 cm, ISBN 978-3-86521-889-6).
www.steidlmack.com/A>

