Eigentlich dreht sich hier alles um das Jahr 1969, das von Ereignissen wie der ersten Mondlandung, Woodstock oder eben auch den Manson-Morden geprägt ist. Zudem kam es am 6. Dezember beim Rockfestival in Altamont in Kalifornien zu einem tragischen Todesfall: Während eines Auftritts der Rolling Stones wurde ein schwarzer Besucher von einem als Ordner fungierenden Mitglied der Hells Angels erstochen, nachdem er mit einer Schusswaffe herumgefuchtelt hatte.
Es geht hier eher um den „Reiz der Extreme", wie Dirck Möllmann erläutert, der zusammen mit Frank Barth die Ausstellung kuratiert hat. So etwas wie ein roter Faden lässt sich allerdings nicht finden, stattdessen gibt es hier von allem etwas: Horror, Flower-Power und ein bisschen RAF.

So sind Arbeiten von 35 zeitgenössischen Künstlern zu sehen, denen drei Gemälde verschiedener Epochen aus dem Bestand der Kunsthalle gegenübergestellt sind: Den Auftakt bilden das mittelalterliche Bild Christus als Schmerzensmann (um 1435) von Meister Francke, die moderne Lustmord-Darstellung John, der Frauenmörder (1918) von George Grosz sowie eine heutige Position von Joe Coleman, As You Look Into the Eye of the Cyclops, So the Eye of the Cyclops Looks Into You (2003).

Viele Arbeiten wurden extra für diese Schau von verschiedenen Künstlern angefertigt beziehungsweise als Leihgabe zur Verfügung gestellt. So gibt es etwa ein auf den ersten Blick harmloses Schachspiel von Gregor Schneider zu sehen, das aus einem Tisch und zwei Stühlen besteht. Im Text dazu informiert der Künstler jedoch, dass der Verlierer am Ende per Stromschlag tot sein wird.
Interessant ist auch eine Videoendlosschleife von Sigalit Landau: Eine nackte Frau am Strand tanzt in einem Hula-Hoop-Ring, der aus Stacheldraht besteht.
Stefan Hunstein präsentiert drei große Fotografien in Form des mittelalterlichen Tryptichons und thematisiert die Landung auf dem Mond, Charles Manson sowie die Altamont-Tragödie.
Eine der eindringlichsten Arbeiten stammt von Lutz Dambeck, der ein Experiment von 1970 nachstellt: In einem großen offenen Glaskasten stapeln sich kleine Metallcontainer. Am Rand ist ein Greifarm installiert, zwischen den Containern laufen Mäuse umher, die die Kästen immer wieder zum Umsturz bringen.

Man fragt sich, was das mittelalterliche Bild von Meister Francke hier zu suchen hat: Aber es geht in der Ausstellung um Schmerz und Tod, "Vom Schrecken der Situation", wie der Untertitel erläutert und womit sich ein breites Themenspektrum öffnet. So gehört auch das während einer Schädelöffnung aufgenommene Hörstück "Trepanationen" von Teresa Margolles hierher, die versucht, den Tod zu enttabuisieren und in ihren Arbeiten immer wieder durch die Verwendung echter Leichenteile schockiert.
Namensgeber dieser Schau ist der Verbrecher Charles Manson, eine egozentrische und gleichzeitig labile Persönlichkeit, die seit seinem 14. Lebensjahr in Erziehungsanstalten und später wegen Zuhälterei und Autodiebstahl im Gefängnis saß. 1967 gründete er in Kalifornien die sogenannte Manson-Family, eine Aussteiger-Kommune und Hippie-Sekte, die unter anderem mit Drogen experimentierte. Mansons Ideologie basierte auf einen Mix aus Satanskult und Rassismus. Die Manson-Morde schockierten am 9. und 10. August 1969 die Öffentlichkeit: Manson und seine Mitglieder wurden beschuldigt, den Mord an Sharon Tate und sechs weiteren Hollywood-Bewohnern angestiftet zu haben - was Manson bis heute bestreitet. "Death to Pigs" schrieben die Täter mit dem Blut ihrer Opfer an die Wände der Tatorte.
Ende 1969 wurden Manson und die vier Täter verhaftet und zunächst zum Tode verurteilt. Inzwischen wurde die Strafe in lebenslange Haft umgewandelt, die alle Beteiligten, denen bis heute jede Begnadigung verweigert wurde, bis heute im kalifornischen Staatsgefängnis verbüßen. Die Schreibweise Man Son (frei übersetzt als „Menschensohn“) ist eine von Manson gelegentlich eingesetzte Bedeutungsverschiebung seines Namens.

Die Verbindung zwischen Manson und der RAF zu ziehen, wie es die Ausstellung tut, wirkt gewagt, vielleicht auch nur eine These der Kuratoren. Denn zeitlich geht sie nicht sauber auf: Die RAF wurde 1970 in Deutschland gegründet und hat ideologisch mit Manson zunächst einmal nichts gemeinsam. Auch viele der Arbeiten haben weder etwas mit 1969 noch mit Manson zu tun. Aber endlich haben wir es mal wieder mit einer mutigen Themenschau zu tun, die zwar anstrengend und nicht nur appetitlich daher kommt, zugleich aber den Blick auf interessante Konstellationen eröffnet.
Andrea Henkens
Zur Ausstellung erscheint ein Katalog mit der Dokumentation aller künstlerischen Beiträge sowie Essays und Interviews von Bommi Baumann, Truman Capote, Ursula Cyriax, Gunnar Gerlach, Belinda Grace Gardner, Tom Kummer, Jan Metzler, Susanne Pfeffer, Astrid Proll, Nora Sdun sowie einer Einführung von Frank Barth und Dirck Möllmann. (9 Euro im Museumsshop).
Hamburger Kunsthalle, Galerie der Gegenwartbis 26. April 2009, Glockengießerwall, 20095 Hamburg, Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 21 Uhr, http://www.hamburger-kunsthalle.de
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