Ordnet man das Material, kann man Schlagwörter und Gegensätze finden: Asien und Europa, Tradition und Moderne, Islam und Christentum. Ein Dauerzustand der alltäglichen Konfrontation wechselnder Elemente: türkische Wirklichkeiten – gezeigt in dokumentarischen und inszenierten Bildern, in Reportagen und Serien. Porträt- und Genrefotografie stehen neben Architekturfotografie, von Künstlern mit eigenen Handschriften.
Während in surrealen Bildern die Moderne durch Technik und Hektik spürbar gemacht wird, findet sich Tradition in Bildern von alten Heilmethoden oder der Türkei der 1950er Jahre. Aus den Fotografien von Orten wie Van oder Mardin lässt sich der blutige Konflikt zwischen Türken und Kurden ebenso wenig wegdenken wie die Bau- und Umweltsünden aus den Fotografien der gigantischen Städtebau- und Investitionsprojekte. Vertraute Blickwinkel stehen neben Unerwartetem, Schwarzweiß neben Farbe. Für manche Bilder braucht man Zeit, erst dann öffnen sie den Blick. Die Videoarbeiten, vorgestellt in Filmstills, bewegen sich zwischen Verfremdungen, filmischem Epigonentum und Familiengeschichten.
Generationenübergreifend
Das Buch erschien als Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Fotografie Forum Frankfurt, präsentiert anlässlich der Frankfurter Buchmesse 2008, bei der die Türkei Ehrengast war. Die beiden Kuratoren Celina Lunsford und Necmi Sönmez waren auch für den Katalog verantwortlich.
Die ausgewählten Künstler repräsentieren verschiedene Generationen, darunter Sahin Kaygun (1951-1992), Murat Germen (*1965), Merih Akogul, (*1963), Ferhat Özgür (*1965) Pinar Yolacan (*1981), Aksel Zeydan Göz (*1977), Ahmet Polat (*1978), Korhan Karaoysal (*1981), Erdem Tasdelen (*1985) und Burcak Kaygun. Unter ihnen finden sich „junge“, „vergessene“, „wieder entdeckte“, „international anerkannte“ und „erstmals außerhalb der Türkei“ gezeigte, „Heimkehrer“, „Surrealisten“, „gerade entlassene Rekruten“, „Perfektionisten“ und „Tote“.
Celina Lunsford erklärt in ihrem Eingangsessay die Auswahl, offeriert Lesarten zu einzelnen Werken und Künstlern. Necmi Sönmez bietet einen kurzen Überblick über die Entwicklung von Fotografie in der Türkei, ausgehend von ersten gängigen Sujets und Genres im Osmanischen Reich Mitte des 19. Jahrhunderts über die Herausbildung der Modernen Fotografie in den 1930er bis 1950er Jahren mit Hilfe von Fotomagazinen bis in zur Etablierung von zeitgenössischer Fotografie als Kunstgattung zu Beginn der 1980er.
Kurzbiografien und erhellende Aussagen der einzelnen Künstler zum Selbstverständnis als Fotograf, Betrachter, Mensch ergänzen ein Buch, das man gern zur Hand nimmt.
Matthias Struch

Abb.: F. Özgür
Fotografie Forum Frankfurt (Hg.):
Turkish Realities. Positions in Contemporary Photography and Video from Turkey. Texte von Celina Lunsford, Necmi Sönmez und Roni Margulies. Kehrer Verlag 2008.,engl. / türk. 120 Seiten, 70 Farbabb. 28,00 ¤. ISBN 978-3-86828-029-6.