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Dienstag, 22. Mai 2012 | 13:50

 

Arno Schmidt: Vier mal Vier. Fotografien aus Bargfeld.

23.02.2004


Fundstücke eines Pirschgängers

In einem opulenten Bildband präsentiert sich Arno Schmidt als Fotograf - eine Entdeckung!


 

Auf den wenigen „offiziellen“ Fotos, die Arno Schmidt, meist in Heidelandschaft rund um Bargfeld, zeigen, baumelt ihm der Feldstecher vor der Brust – als wäre der wandernde Voyeur auf der Pirsch. Aufgenommen hat ihn seine fast lebenslange eheliche Begleiterin Alice. So wusste man, dass das Solipsisten-Paar einen Fotoapparat besaß und gelegentlich Gebrauch davon machte.

Bis zur jetzigen Publikation „Vier mal vier“, mit der die Arno Schmidt Stiftung im Suhrkamp Verlag ihre Editionen aus dem Nachlass fortsetzt, ahnte man jedoch nicht (oder hätte es nur von Hans Wollschläger und aus dem Briefwechsel mit dem in Bargfeld wohnenden langjährigen Freund Wilhelm Michels erfahren können), dass der „Wortmetz im Steinbruch der Sprache“ auch ein passionierter Fotograf war – und vor allem: dass aus dieser mehr als bloß hobbyistischen Laune 2500 (!) Bilder überliefert sind.

Der Wortmetz als Fotograf
Hans Wollschläger hatte dem verehrten Meister 1964 zum 50. Geburtstag eine Yashica 44-Kamera geschenkt – „ nischt wie Spiegelreflex und 4 x 4 und gleichwertig einer >Rollei<; leider weiß ich sie noch gar nicht zu handhaben – a treasure locked ! – aber das DIA=Format passiert aufs Schönste unsern Projektor: paßt!“, schrieb Schmidt entzückt an den Fotokenner Michels, den er bald darauf um Unterweisung bat, damit er sich den Schatz aufschließen konnte, aus dem nun Janos Frecot, ein Fotokunst-Kenner, eine erste Auswahl von 123 Farb- „Fotografien aus Bargfeld“ herausgegeben und mit einem ausführlichen Nachwort versehen hat, dem eine zweite Auswahlpublikation folgen soll, welche die Lebens- & Arbeitswelt der beiden Einsiedler am Rande der Lüneburger Südheide in Selbstbildnissen dokumentieren wird.

Der Foto-Schatz, den man sich offenbar im Haus Nr. 23 als Dia-Projektion vor Augen führte (wie oft und vor allem zu welchen Zeiten, könnte möglicherweise aus Alice Schmidts Tagebüchern eruiert werden), offenbart nun, dass das „Gehirntier“ bei seinen Streifzügen durch die Wälder und durch die Auen des norddeutschen Flachlands rund um seinen letzten Wohnsitz in Bargfeld, Kr. Celle, nicht nur erlaufen- & erfahrene landschaftliche Sinneseindrücke in Wortkonzentraten speicherte, sondern zugleich ein empfindliches Auge dafür hatte, die ohnehin von ihm (noch vor den Büchern!) am Höchsten geschätzten „Naturschönheiten“ als optisch verdichtete Stillleben abzulichten.

Optisch verdichtete Stilleben
Zu vermuten ist – Frecot geht darauf nicht ein –, dass die meisten der Aufnahmen seit 1964 in der Zeit bis zur Niederschrift von „Zettels Traum“ und nach dessen Beendigung 1968 bis in die frühen Siebziger Jahre entstanden sind. In den letzten Jahren seines Lebens (von ca. 1974 bis 1979) soll der Arbeitswütige sich kaum noch zu größeren Exkursionen entschlossen haben. Es wäre jedenfalls wünschenswert, falls möglich, Genaueres über die zeitliche Lokalisierung des Fotowerks von Arno Schmidt zu erfahren; ebenso aber auch, ob er, wie das z.B. von Thomas Mann bekannt ist, auf seinen Fotoschatz zurückgegriffen hat, um seine Imagination am Schreibtisch auf- & auszufüttern, wie er das ja im typografischen Spätwerk mit einer Vielzahl optischer, figurativer und lettristischer Fund- & Sammelstücke getan hat.

Wenn man, als Kenner sowohl des Schmidtschen Oeuvres als auch seiner einmal erwanderten landschaftlichen „Vorlagen“, nun diese Fotos mit Staunen betrachtet, so stellt sich der Eindruck her, der Autor habe vielfach erst nachträglich fotografisch festgehalten, was er schon davor – nämlich in seinem Oeuvre bis zur „Summe“ von „Zettels Traum“ (z.B. in den Erzählungen von „Kühe in Halbtrauer“) – sprachlich fixiert hatte: ob es die Kühe in Halbtrauer, das Schmalwasser, Fichtenschonungen, Mähdrescher, das „Schauerfeld“ oder die Flach-Seen der Umgebung sein mögen. Folgte man nur der Auswahl, die der Herausgeber aus Schmidts County präsentiert, so offenbaren diese Bilddokumente eine erstaunliche landschaftliche Vielfalt; und betrachtete man die Fotos & ihre Objekte probeweise einmal separiert von der Kenntnis der lokalen Örtlichkeiten, so erblickte man in ihren Natursujets Abbilder, die (außer auf das Hochgebirge) z.B. auch an Bodden- oder Bach- & Flusslandschaften gemahnten, die – sei´s in der Mitte Frankreichs oder an der Ostsee – zuhause sein könnten. Der intensive Blickkontakt des Fotografen transzendiert das von ihm Vorgefundene ins Imaginäre. Arno Schmidts Kamerablick, der einmal Caspar David Friedrich, ein andermal Manets „Frühstück im Grünen“ zu erinnern scheint, versteht das Vorgefundene so zu inszenieren, dass ihm eine Vielzahl von höchst verdichteten Stimmungsbildern daraus entstehen – in den meisten Fällen, wo es sich um Totalen handelt, sind es weniger „Wald“- als Feld-, See-, Bacheinsamkeiten unter hohem Himmel.

Transzendierung ins Imaginäre
Aber der Fotograf wie der Schriftsteller hatte ja (gleich Jean Paul) eine wortkonzentrierte und wie sie jetzt zeigt: eine visuelle Neigung sowohl zum Makro- wie Mikroskopischen der sichtbaren Welt: da können schon einmal die Großaufnahme eines Birkenstamms als Phantasmen der Geografie oder vom Windbruch verdrehte und gefällte Kiefern als Menetekel des Scheitans (wie´s in der „Schule der Atheisten“ heißt) rätselhaft zur Interpretation verlocken und zur Frage: „Was hat er damit sich zu sagen versucht?“.

Immer wieder erstaunlich ist jedoch, dass und wie Arno Schmidt wunderbar zarte Lichtvaleurs und außergewöhnliche Beleuchtungsverhältnisse wahrgenommen und daraus Bilder komponiert und dem kleinen Augenblick ihrer Existenz abgenommen hat, welche den Herausgeber Janos Frecot dazu ermutigen, von einem „magischen Realismus“ der Neuen Sachlichkeit zu sprechen. Auf der Fotopalette Schmidts sind die idyllischen Ansichten ebenso vertreten wie die unheimlich-bedrohlichen einer geballten Wolkenwand oder eines blaubleiernen Himmels, der sich aus dem Hintergrund auf die noch im Sonnenlicht wiegende Birkengruppe im Zentrum des Bildes zu bewegt.

Erzählerischer Appeal
Selten hat der Misanthrop Schmidt „figures in a landscape“ zugelassen, bei der überwältigen Überzahl menschenloser (oder -ferner?) Landschaftsbilder wirkt deren überraschende Anwesenheit fast (ver)störend, gewissermaßen „privatisierend“. Aber Schmidt – im Gegensatz zu Amateur – lässt seine Frau Alice oder die Michels gewissermaßen nur als menschliche Randphänomene im Landschaftsambiente gelten – als “figures“, die sich wie Fremde „im Busch“ aufhalten.

Man kann, ja: man sollte sich auf diese erstaunlich intensiven Aufnahmen, die neben ihrem dokumentarischen Charakter auch (vor allem in der uns hier dargeboten Abfolge) einen erzählerischen Appeal besitzen, seine eigenen Reime machen, z.B. wenn man an die vielen von Schmidt offenbar geliebten solitären Holzverschläge und an seinen „Faun“ denkt: denn dieses „Fotoalbum“ lädt dazu ein; und es wäre von hohem Reiz zu erfahren, wie sich die daraus destillierte Poesie eines lektüreerfahrenen Schmidtianers von den Phantasien unterschiede, die ein Ignorant des Schmidt-Oeuvres daraus entwickeln könnte.

Es gibt neben einem völlig thematisch aus diesem Band herausfallenden exorbitanten Foto, das Schmidt von seiner aus dem Wasser zu seinen Füßen auftauchenden Alice „gesnappschottet“ hat, ein zweites in „Vier mal Vier“, das von außerordentlicher malerischer Schönheit und farblicher Delikatesse ist, obgleich eben im souveränen atmosphärischen Umgang mit Farbvaleurs mich Arno Schmidts Sensibilität als Fotograf am deutlichsten überrascht hat. Man sieht da (S.48), genau in der Bildmitte, hinter einem Zaun, auf einer Wiesenfläche ein feuerrotes, einsames Bauernhaus mit Scheune, rechts neben ihm einen Strommast, links in einiger Entfernung drei buschige Bäume vor einem Waldsaum. Das Bedrohliche-Rätselhafte dieses Bildes, das wie ein Foto aussieht (das es ja auch ist) rührt von der dunkelblauen tintigen Himmelsfarbe her, welche die obere Hälfte des Fotos einnimmt und sogar auf den ganzen rechten Bildrand übergreift. Und inmitten dieses Gewitterszenarios, das ante rem ist, liegt das rote Doppelhaus wie von de la Tour separiert erleuchtet: als rettende Zuflucht oder als ahnungsloses Opfer des drohenden Unheils?


Wolfram Schütte

 


Arno Schmidt: Vier mal Vier. Fotografien aus Bargfeld. Auswahl und Nachwort von Janos Frecot. Eine Edition der Arno Schmidt Stiftung im Suhrkamp Verlag. Gestaltung: Friedrich Forssmannca. Suhrkamp-Verlag, 180 S. ¤ 49,90 ISBN 3-518-80210-0

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