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Dienstag, 22. Mai 2012 | 13:53

Regina Maria Anzenberger: WEST

13.08.2009

Wo liegt eigentlich Amerika, von China aus gesehen?

Der Traum von der unbegrenzten Freiheit im Westen war für viele Menschen schon immer zugleich ein Albtraum. Von OLAF SELG

 

Nehmen wir einmal einen in Sachsen aufgewachsenen und dort weiterhin wohnenden Menschen. Käme er 20 Jahre nach dem Mauerfall auf die Idee zu sagen, er lebe im Westen? Oder lebt er weiterhin im Osten? Dieser geografische Osten Deutschlands ist allerdings inzwischen westlicher als vor 20 Jahren. Er hat sich aber nicht tektonisch auf den Westen zubewegt, sondern der Osten wurde mit entsprechenden Werten – ideellen wie realen – auf- bzw. abgefüllt und stellenweise zugemüllt. Geografische Richtungsangaben taugen also nicht wirklich zur Benennung eines Lebensgefühls oder -traums, sie sind nur Sprachkrücken.

Ausgehend von unseren hiesigen Breitengraden hat Regina Maria Anzenberger schon 2008 mit ihrem Bildband „East“ eine erste, von Fotos geprägte Richtungsbestimmung aktueller Lebensgefühle vorgenommen. Dies sei ihr damals leichter gefallen, da es (im nahen wie fernen) Osten „sehr viele eigene Themen und Probleme“ gebe, heißt es im Vorwort zu „West“. Warum die aktuelle Auseinandersetzung mit dem Westen schwieriger ist, benennt Corinna Milborn in ihrem Essay „Der Westen, ein Simulacrum“ kurz und bündig: „Der Westen ist kein Ort“, sondern eine „Haltung“. Die modernen Cowboys sind die „Manager, die die letzten Winkel der Erde erobern“, im Kopf den Slogan „Just do it“ und an den Füßen die entsprechenden Siebenmeilenstiefel.

Go West – be West? Der Traum von der unbegrenzten Freiheit im Westen war für viele Menschen schon immer zugleich ein Albtraum, bedenkt man etwa die Eroberung des „Wilden Westens“ in Amerika: Was für die einen der Weg in die Freiheit war, bedeutete für die anderen den Weg in die Sklaverei, das Reservat oder den Tod.

 

Ist also alles nur eine Frage des Standpunkts? Festhalten kann man, dass die westliche Lebensweise, losgelöst von geografischen Koordinaten, deutlich sichtbar – und damit fotografierbar – an einem Individualismus krankt, der droht, die Freiheit in Beliebigkeit und in ihrem Schlepptau die Kunst in eine pervertierte Postmoderne zu überführen. Wenn man sich nach der Betrachtung des Bildbandes zunächst also über die merkwürdige Zusammenstellung der Fotoserien wundert – wobei jede für sich gesehen funktioniert –, muss man dann doch konstatieren, dass er diese drohende Entwicklung gut widerspiegelt.

Stellenweise ironisch (Ulrich Eigner: „Cowboy und Konsum“, Toni Anzenberger: „Der Hund Pecorino und der Duft Europas“ – ein Hund auf Weltreise), stellenweise Unglaubliches zeigend (Yadid Levy: „Burning Man Festival – Das ewige Brennen“ – was machen die Menschen im Wüstensturm?), stellenweise oberflächlich (Mauro Bottaro: „Zeit ist Geld“, Annet van der Voort: „Metamorphosen“) und des Öfteren die Folgen der Arbeit der Cultural bzw. Economic Hit Man entlarvend (Richard Ross: „Die Architektur der Autorität“, Reiner Riedler: „Künstliche Welten“, Simone Casetta: „Die Lebensmittel-Front“, Paolo Woods: „Die Chinesische Safari“) vereint der ansprechend aufgemachte Band in guter Abbildungsqualität ein vielfältiges Spektrum von Blicken in alle Himmelsrichtungen: Er präsentiert Fotos aus den USA, Kambodscha, Groß Britannien, Österreich, Australien, dem Sudan und umfassender aus „Europa“, „Afrika“ oder gleich ganz „Global“. Wenn der Fotoband manchmal in seiner Auswahl auch nicht schlüssig erscheint, so ist nach den einleitenden Überlegungen aber verständlich, warum das wohl so sein muss.

 

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