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Samstag, 04. Februar 2012 | 13:47

Street Art. Legenden zur Straße

29.10.2009

Ikonenmalerei für Antikapitalisten

Street Art, das ist zuallererst Kunst, die unter die Leute will. Die Qualität der einzelnen Werke und die Antwort auf die grundsätzliche Frage, ob es sich hier um „Kunst“ handelt, ist für den immer wieder überraschten Betrachter zunächst sekundär. Von OLAF SELG

 

Will ein Künstler nicht zuerst den Weg durch die Akademien und Galerien nehmen, gibt es eine einfach zugängliche Bühne: die Straße, den öffentlichen Raum. Und im direkter Verknüpfung damit die Verbreitung als Medienereignis im Internet. Ob der Street Art-Produzent sich dabei selbst als „Künstler“ versteht, ist ebenfalls nicht so wichtig. Mancher will sicher erst einmal „Spaß“ haben und insbesondere auf sich aufmerksam machen. Ein subversiver Impetus war und ist einzelnen Street-Artisten sicher zu eigen.
Genauso gehört aber der Blick auf das weitere Kunstgeschäft dazu, wie im Band Street Art. Legenden zur Straße deutlich wird (vgl. z.B. den Aufsatz Heike Lüken: Street Art und der etablierte Kunstbetrieb. Szenen einer Entwicklung).

Geht man nach Anzahl und Sinnenschwere der im Band versammelten Artikel, könnte Street Art – „die intellektuelle Stiefschwester von Graffiti“ (Clara Völker) – als begriffliches Phänomen eine Kopfgeburt sein. Die Beiträge zum wissenschaftlichen Diskurs sind sicher nicht für die Straße gemacht, vielen Street-Artisten werden die inhaltlichen Feinheiten und historische Herleitungen sicherlich egal sein.
Das wiederum muss die Autorinnen und Autoren aber nicht tangieren, die keinesfalls fahrlässig und schon gar nicht oberflächlich mit ihrem Gegenstand umgehen. Dies betrifft insbesondere die Begriffsklärung und die Schwierigkeit, „Street Art“ nicht zu eng und nicht zu weit zu fassen, nicht vorschnell aus- oder abzugrenzen, aber auch nicht der Beliebigkeit Tür und Tor zu öffnen: Was vereint oder trennt beispielsweise Street Art und Graffiti? Endet Street Art automatisch an den Türen der Galerien, die diese Werke – von der Straße abmontiert oder als Fotografie – ausstellt?
Die begrifflichen Annäherungsversuche machen implizit deutlich: Entscheidend für die Authentizität von Street Art ist ihre Rezeption quasi im alltäglichen Vorübergehen. Das unterscheidet Street Art ganz wesentlich von aller Kunst im „White Room“: Diese muss der Rezipient aktiv in bestimmten geschlossenen bzw. abgegrenzten Räumen aufsuchen.

 

"Verbieten ist verboten!"

Insgesamt spürt man: Der Band will Street Art als Phänomen nicht an einen (verquasten) Wissenschaftsdiskurs verraten, man versucht in der Text-Bild-Mischung bewusst den Balanceakt zwischen fundierter (kunst-)historischer Bezugnahme und dem Andocken an zeitgemäße Begrifflichkeiten. Dies lässt sich an einigen Beitragstiteln und der Liste der Autoren/Künstler ablesen, die helfen sollen, „Street Credibility“ zwischen die Buchdeckel zu transportieren (z.B. Annika Lorenz: „Verbieten ist verboten!“ Kunsthistorische Perspektiven auf Street Art; Ilaria Hoppe: Die junge Stadt. Überlegungen zum Verhältnis von Architektur und Urban Art; Anja Schwanhäußer: Die Stadt als permanentes Happening; Christian Heinicke/KLUB7: Tücken der Straße. Die Geschichte zum Buchcover; NOMAD: My Dear Utopia!; BOXI: Layers; LOSO: Collage; u.v.m.).
Dies erreicht das Buch auch insgesamt – wenn auch nicht in jedem einzelnen Beitrag, so doch in seiner Mischung als „publizistisches Kaleidoskop“ (Klitzke/Schmidt). Hier verhält es sich wie mit der Betrachtung der Werke selbst: Wie Street Art oder der Diskurs über sie wahrgenommen wird, hängt von den subjektiven Voraussetzungen der Betrachter und vom Kontext ab, in dem sie wahrgenommen wird. Der Versuch, die Oberflächlichkeit des „Hypes“ hinter sich zu lassen und sich dem Gegenstand „Street-Art“ aus verschiedenen Richtungen und von unterschiedlichen Perspektiven aus anzunähern“ (so Katrin Klitzke und Christian Schmidt in der Einleitung) ist mit den insgesamt 32 Beiträgen, manche davon reine Bilderserien, also durchaus gelungen.

Street Art selbst kümmert sich im besten Fall nicht weiter um ihre Rezeption. Sie macht sich im wahrsten Sinne dort fest, wo es in der öffentliche Situation möglich ist, um den morgendlich miesgelaunten Großstädter einmal mehr zu überraschen.

 

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