Zum Beispiel der Blick in Stalins Geburtszimmer in Gori. Wenn man bedenkt, welch ein Elend hier auch gleich sein Ende hätte finden können. Während die Schwarz-Weiß-Bilder von Alex Majoli insgesamt eher nachdenklich stimmen – „Ich entscheide mich dafür, dass meine Arbeit für diesen Auftrag am Ende ein bisschen idyllisch sein soll. Sie soll anhand meiner Erinnerungen und einiger Begegnungen, die ich hatte, ergreifend sein. Aber ich kann das nicht. Der Krieg ist überall. Hinter jedem Wort, jeder Tat und jeder Maske“ – bietet Martin Parr im Kontrast dazu und viel weniger ätzend, als man es von ihm gewohnt ist, bunte Einblicke in den Alltag: „Ich fange mit einem Besuch auf dem größten Markt in Tiflis an. Es gibt keinen besseren Weg einen Besuch in einem Land zu beginnen, als auf den Markt zu gehen. Er ist wie eine Bühne…“
Gelungenes Gesamtkonzept
Die Grundidee für den Band „Georgischer Frühling – Ein Magnum Tagebuch“ vermag zu überzeugen: Zehn Magnum-Fotografen wurden auf die Reise durch Georgien geschickt, die jeweils auf einer Begleitkarte eingezeichnet ist. Jeder von ihnen verfolgt auf seiner Tour ein eigenes Ziel, sein eigenes Thema. Dies hat zur Konsequenz, dass jedes Kapitel, angepasst an die individuelle Vorgehensweise, an besondere Formate und Sujets, eine eigene Gestaltung hat. Und so finden sich ganzseitige Schwarz-Weiß- oder Farbfotos, aber auch kleinformatige Fotostrecken oder Seiten, die wie aus einem Fotoalbum oder Tagebuch entnommen aussehen – wie der Untertitel des Bandes schon andeutet.
Was sich wie ein Gemischtwarenladen anhört, passt aber optimal in das Gesamtkonzept. Der Band will ein Spektrum eröffnen, wobei mehr als ein Kunstband entstanden ist: Ein illustrierter Band über das Leben in Georgien, stellenweise fast schon eine überdimensionale Werbebroschüre, die im Auftrag des Ministeriums für Tourismus erschienen sein könnte. So verwundert es einerseits nicht, dass Martin Parr in seinem Begleittext launig anmerkt, wohl gerade am neuesten der regelmäßig in der Vergangenheit erschienenen „Propaganda-Bücher“ mitzuwirken.