Eine vorsichtige Annäherung
Zweifelsohne eignet sich Uwe M. Schneede für diese Tätigkeit ganz hervorragend. Als Direktor der Hamburger Kunsthalle hat er mehrere Beckmann-Ausstellungen kuratiert, als kunsthistorischer Forscher war er maßgeblich an der dreibändigen Ausgabe der Beckmann-Briefe beteiligt. Wer anders als er sollte also das gewagte Unternehmen starten, Beckmanns Lebenswerk monographisch als zugleich anspruchsvolles und unterhaltsames Bilderbuch für das breite Kunstpublikum zu bearbeiten?
Schneedes pikturale Monographie kann durchaus auf eine solide Vorarbeit aufbauen. Die kunstwissenschaftliche Fachliteratur zu Beckmann füllt inzwischen mehrere Regalmeter und auch im Bereich der populären Beckmann-Literatur gibt es Vorgänger: Stephan Reimertz lieferte vor wenigen Jahren eine solide Biographie des Malers, und der Taschen-Verlag bietet für wenig Geld eine Studie des Beckmann-Forschers Reinhard Spieler an, die sich zwar einerseits als verlässliche Werkmonographie versteht, andererseits aber mit ihrer übertriebenen spekulativen Energie in der einschlägigen Forschung für ein ganzes Heer an zynischen Fußnoten gesorgt hat.
Auf derartige Assoziationsleistungen lässt sich Schneede schon von vornherein nicht ein. Er hat nicht den Anspruch, die komplexe Bildrhetorik der Beckmannschen Arbeiten neu zu dekodieren. Vielmehr wagt er sich an eine genaue Beschreibung des individuellen Bildfindungsverfahrens Beckmanns:
„Ausgehend von Figuren und Szenerien aus der Realität kam Beckmann durch das Heranziehen und den übergängigen Einbau ikonographisch vorbelasteter Gestalten und Requisiten, mit Aufnahme symbolisch wirksamer Motive oder Handlungseinheiten (...) sowie mit einem spezifischen Verfahren – Schichtung, Vertiefung, Verschränkung – auf Grundfiguren, Urmuster, wie sie sich in Mythen, Religionen, Sagen und Märchen finden (...).
Schneede begnügt sich – überaus weise – mit einer strukturellen Annäherung an die komplexe ikonographische Organisation des Bildraums, statt der Malerei sein eigenes Weltbild gleichsam in der persönlichen Aneignung aufzustülpen. Erkennbare Motivschichten werden vorsichtig kommentiert und in ihrer spezifischen Verwendung beschrieben. Alles was darüber hinausgeht, findet in Schneedes luzider Einführung keinen Platz.
Stattdessen rückt Schneede die Zeitgenossenschaft Beckmanns in den Fokus des Interesses. Hatte die ältere Forschung Beckmanns Gemälde noch zu künstlerischen Illustrationen der esoterischen Geheimlehre Helena Blavatskys, einer in der Tat für die Kulturgeschichte des frühen 20. Jahrhunderts nicht zu unterschätzenden Inspirationsquelle, degradiert, so versucht Schneede nun, Beckmanns Malerei mit kulturgeschichtlichen, politischen und tagesaktuellen Strömungen seiner Zeit zu parallelisieren. Aus dem modernen Mythenmaler wird so ein etwas spirituell angehauchter Chronist der Moderne.