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Dienstag, 22. Mai 2012 | 14:00

Silvia von Bennigsen / Irene Gludowacz / Susanne von Hagen: Kunst Global

08.04.2010

Globale Weisheiten

Der Interviewband „Kunst Global“ sammelt Stimmen aus dem Kunstmarkt zur Frage nach einer neuen globalisierten Kunstlandschaft. Außer den bekannten Platitüden jedoch wird man hier kaum etwas Nennenswertes erfahren können. Von SEBASTIAN KARNATZ

 

Wie sieht Kunst in einer globalisierten Welt aus? Gibt es überhaupt noch so etwas wie regionale Unterschiede? Gibt es überhaupt noch so etwas wie einen nationalen Charakter von Kunst? Oder hat der internationale Kunstmarkt, jenes hochkapitalistische Gebilde aus Künstlern, Galerien, Auktionshäusern und solventen Käufern, mit seinem globalen Anspruch längst die Führungsrolle im Kunstbetrieb übernommen?

 

Dies sind durchaus spannende Fragen, auf die es mannigfaltige Antworten gibt. In dem Sammelband „Kunst Global“ reflektieren Künstler, Sammler, Museumsdirektoren, Galeristen, Messeleiter, Auktionatoren und Wirtschaftsführer über den Zusammenhang von Globalisierung und Kunst – und sie kommen, ganz im Sinne der Fragestellung, zu den unterschiedlichsten Ergebnissen. Diese reichen auf Seiten der Künstler von der kruden romantisierenden Selbststilisierung des Leipziger Malerfürsten Neo Rauch bis zu Ai Weiweis klugen und mitunter provokanten Analysen. Doch die eigentliche Überraschung, der Novitätenwert von „Kunst Global“ liegt sicherlich eher in den Ausführungen jener oft im Verborgenen tätigen, marktbestimmenden Gruppe von Menschen, denen Kunst vor allem Eines ist: harte Währung. So führt das Buch den Leser geradewegs en passant in die Kulturpraktiken des Kunstmarktes ein.

 

Ai Weiweis "Template" auf der documenta 12 nach der Beschädigung durch einen Sturm Ai Weiweis "Template" auf der documenta 12 nach der Beschädigung durch einen Sturm

Der Trend geht zum Gesamtkunstwerk

Dies jedenfalls ist weit spannender als das öde Geraune der Kunstprofis über zukünftige Entwicklungen und die angeblichen Trends der Zeit. Zwei wahllos herausgegriffene Beispiele: „Der Trend geht zum Gesamtkunstwerk. Darin spiegelt sich unsere globale Welt.“ Richard Wagner wird sich in seiner Familiengruft als begrifflicher Ahnherr dieser gefühlten Postpostmoderne ob so viel unverbrämter Sinnlosigkeit ein Lächeln kaum verkneifen können. Ganz ähnlich verhält es sich auch mit einem Allerweltsdiktum wie dem Folgenden: „Die Kunst ermöglicht es uns, den Horizont zu erweitern.“

 

Große neue heuristische Perspektiven eröffnet der vorliegende Band also trotz der Vielzahl an Interviews eher nicht. Dies mag zu einem Großteil auch der unklaren Konzeption von „Kunst Global“ geschuldet sein. Die Autorinnen Silvia von Bennigsen, Irene Gludowacz und Susanne von Hagen firmieren zwar offiziell als selbige, ihre eigentliche Aufgabe bleibt jedoch selbst dem aufmerksamsten Leser verborgen. Eine differenzierte Klärung der vagen Begrifflichkeit Globalisierung bleiben sie uns ebenso schuldig wie kritische Anmerkungen zu den jeweiligen Antworten der Interviewpartner. Einleitende Bemerkungen fehlen vollständig. Auch die eigentliche Methodik der Beiträge bleibt im Dunkeln. Der schematische Gesprächsverlauf jedenfalls lässt auf schriftliche Antworten schließen – Raum für kritische Nachfragen bleibt hier wenig.

 

So mutiert „Kunst Global“ trotz guter Ansätze und einer grundsätzlich spannenden Fragestellung zu einer merkwürdig ermüdenden Lektüre, die sicherlich nicht dazu geeignet ist, den Appetit auf zeitgenössische Kunst anzuregen. Jener nämlich folgt weder den Gesetzen des Marktes noch den starren Regeln eines standardisierten Fragenrepertoires. Der Hunger nach zeitgenössischer Kunst speist sich viel eher aus der Lust am Widerspruch, an Reflexion und Ästhetik, aus der Liebe zum Querdenken, zum Quersehen. „Kunst Global“ jedenfalls kann, globalisierte Kunstlandschaft hin oder her, jene Lust leider kaum wecken.

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