Repräsentation als Maskerade
Die Entstehungsumstände der 1967 erschienen LP „Sgt. Peppers Lonely Hearts Club Band“ muten eigentlich denkbar schlecht an: Die wohl bis dato erfolgreichste Band der Welt hatte soeben beschlossen, ihre Musik nicht mehr live zu spielen. Der immense Massenwahn zwang die Beatles zu dieser Entscheidung. Was lag also näher als beides – den Hype und den Rückzug davon – zum Thema der visuellen Gestaltung der LP zu machen? Der britische Pop-Art-Pionier Peter Blake erschuf für „Sgt. Peppers“ in enger Zusammenarbeit mit der Band ein überbordendes, lebendig buntes visuelles Konzept, das die Band in einem Gruppenfoto mit durch Pappständer ersetzten Zeitgenossen und längst verstorbenen Vorbildern zeigt. Auf diese Weise entsteht eine merkwürdige popkulturelle Ahnengalerie, die die Sphären von high und low außer Kraft setzt. So finden sich hier beispielsweise neben längst vergessenen zeitgenössischen Showprominenten auch der Dichter Dylan Thomas und der Physiker Albert Einstein. Die Band selbst tritt gleich in doppelter Ausführung auf: Als vorgeblich authentisches Original in dunklen Anzügen und bunt kostümiert in historischen Karnevalsuniformen.
Durchaus raffiniert doppelt das Cover dabei die Erwartungshaltung des Käufers: Die Beatles treten zum einen als die bereits bekannte Band „The Beatles“ in ihrer gewohnten Kleidung auf und zum anderen als kostümierte Sgt. Peppers Lonely Hearts Club Band. Die vorgeblich ‚echten’ Beatles sind jedoch lediglich Wachsfiguren aus dem Londoner Wachsfigurenkabinett der Madame Tussauds. Sie sind somit nicht authentischer als die sie umgebenden Pappständer. Die ‚echte’ Band verbirgt sich hinter der historischen Maskerade. Dies spiegelt konsequent die tatsächliche Situation der Beatles zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Albums wider. Der die Band umgebende Massenrummel wird zum Motor eines in der Pop-Geschichte bis zu diesem Zeitpunkt nicht gesehenen Experiments, das Grundzüge einer Kunstperformance trägt: Die LP erscheint nicht als Veröffentlichung der Beatles, sondern als Einspielung der Sgt. Peppers Lonely Hearts Club. Zumindest suggeriert dies dem staunenden Hörer der erste Titel der Schallplatte:
“It was twenty years ago today,
Sgt. Pepper taught the band to play
(...)
So may I introduce to you
The act you've known for all these years
Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band
We're Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band
We hope you will enjoy the show (…).”
Die Beatles tauschen ihre bisher bekannte Identität mit der Sgt. Peppers Lonely Hearts Club Band, die jedoch als Nukleus auch schon auf den vorangegangen Alben zu erkennen gewesen sein muss, denn obwohl sie vorgestellt wird („so may I introduce you“), ist sie die Band, die man bereits seit Jahren zu kennen meinte („the act you’ve known for all the years“).
Aber dieser diffizile Identitätentausch wird auf dem Albumcover selbst ad absurdum geführt: Zwar prangt der Schriftzug der Sgt. Peppers Lonely Hearts Club Band unübersehbar im Bildzentrum auf der Bass-Trommel der Kapelle, deutlich größer jedoch ist der Beatles-Schriftzug – getarnt als Blumenbeet – zu lesen. Der Rollenwechsel bleibt ein intellektuelles Spiel, das aufgrund der Bedürfnisse des Plattenmarktes nicht einmal auf dem Albumcovers vollständig vollzogen werden kann.
Auch die Innencovergestaltung betont die Dichotomie von authentischer Selbstrepräsentation und Karikatur noch einmal: Dem Album liegt ein Ausschneidebogen bei, auf dem der geneigte Fan unter anderem einen Schnurrbart zum Ankleben und die Schulterabzeichen einer Sgt.-Peppers-Uniform findet. So wird der Rollentausch der Beatles symbolisch auch auf einer weiteren Ebene vollzogen. Die gespielte Flucht aus der Wirklichkeit gerät zum Leitmotiv der Albumgestaltung.