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Dienstag, 22. Mai 2012 | 14:09

Interview mit Hans Werner Holzwarth

14.10.2010

,,Es ist ein Gedicht."

Neo Rauch ist ein offenes Buch – zumindest gilt dies für die Monographie, die seine Signatur als Titel trägt. In zwei Auflagen erscheint die in mattes weinrot gebundene Prachtausgabe des 1960 in Leipzig geborenen Künstlers, der in seiner Heimatstadt lebt und arbeitet. LIDA BACH hat Hans Werner Holzwarth, den Herausgeber des Buches, zum Interview getroffen.

 

Auf hundert Exemplare limitiert, bringt der Taschen-Verlag Neo Rauch, No. 1 – 100 mit der signierten Lithographie „Heimkehr“ auf handgeschöpftem Papier heraus. Neo Rauch, 101 – 1.100 ist in einer limitierten Auflage von 1000 Exemplaren in einem fast einen halben Meter hohen Riesenformat gedruckt, dessen Gewicht im Taschen-Store ein eigens für die Großbände reserviertes Podest trägt.

 

"Für mich bedeutet Malen die Fortsetzung des Traums mit anderen Mittel“ (Neo Rauch)

 

Neo Rauch selbst blieb verschlossen. Auf Pressefragen mochte Rauch bei der Präsentation seines Buches im Taschen-Flagship Store nicht antworten. Ob beim Signieren der Werkausgaben oder vor dem Eingang bei der Zigarettenpause – der als interviewscheu bekannte Maler wies höflich, aber bestimmt jeden Interviewversuch ab. Dafür gelang es Lida Bach mit jenem Mann zu sprechen, der diesen einzigartigen Einblick in das außergewöhnliche Kapitel moderner Kunst überhaupt möglich gemacht hat. Herausgeber Hans Werner Holzwarth, der unter anderem mit Jeff Koons, Christopher Wool, Robert Franck, Kiki Smith und Nan Goldin an Büchern des Taschen-Verlags arbeitete, erzählt von Geschichten, die keine sind und künstlerischen Visionen zwischen Fantasie und Zeitgeschehen.

 

Wie kam es zu der Idee für dieses Buch?

 

Die Idee war, bei Taschen eine Reihe mit bedeutenden Gegenwartskünstlern zu machen. Das ist das dritte Buch und es wird noch ein weiteres geben. Da macht das zwangsläufig Sinn - weil er einer der wichtigsten zeitgenössischen Maler ist – nach Koons, Oehlen und Wool Neo Rauch zu präsentieren und damit eine ganze Bandbreite der zeitgenössischen Malerei abzudecken.

 

Ist Rauchs Status als einer der wichtigsten Gegenwartskünstler ein besonderer Anreiz?

 

Es ist immer ein Traum mit guten Künstlern zu arbeiten.

 

Nicht nur die Kunst an sich ist beeindruckend, sondern Sie haben das Gefühl, Herrn Rauch ein Stück näher zu kommen?

 

In jeder engen Arbeitsphase, kommt man sich zwangsläufig näher. Man unterhält sich über viele Details und über Gott und die Welt. Man kriegt einen Zugang zu dem Künstler. Man erlebt, wie er die Welt sieht, wie er etwas macht und warum er etwas macht. Wie er etwas beschleunigt, wie er etwas zurücknimmt – man erlebt es durch die extreme Auseinandersetzung mit dem Werk. Man arbeitet an diesen Abfolgen über Jahre hinweg. Man geht immer wieder – diese Chance hatten wir bei den großen Bänden – zur Ausstellung, guckt sich die Originale an und hat damit die Möglichkeit, die Drucke, den Originalen nah zu bringen.

 

Gibt es ein charakteristische Aussage oder Handlung Neo Rauchs?

 

Das kommt rüber, wenn man den Büchertext liest: Wie agiert der Herr Rauch, was tut er, wie denkt er. Das ist das spannende an seine Bildern: sehr zeitnahe Bezüge. Es ist nicht irgendeine Fantasiewelt.

 

Warum entschieden Sie und Neo Rauch sich für das XL-Format?

 

Der Vorteil dieses Riesenformats ist, dass diese Bilder nicht wie kleine Comics daherkommen. Es sind überschaubare Reduktionen. Es sind wirklich Bilder.

 

Wie wird die Auswahl der Werke in so einem Buch getroffen?

 

Da es Monographien sind, ist die erste logische Auswahl die der wichtigsten Bilder. Das ist natürlich sehr emotional: Was sind die wichtigsten Bilder? Aber wenn man das Werk ansieht, gibt es Sachen, die einem ins Auge fallen – Meilensteine, die immer wieder auftauchen, auch thematisch. Das sind nicht nur drei, vier. Es gibt immer wieder Bezüge auf solche Schlüsselwerke, ob es Personen sind oder Farben, die immer wieder herausstechen. Das sind die Auswahlkriterien. Aber ob es wirklich verständlich zu machen ist …  Ich erzähle das sehr narrativ, aber es ist nicht so narrativ, weil die Geschichten nicht Geschichten sind, die bei A anfangen und bei C aufhören – es entstehen vielmehr Assoziationsfelder. Und diese Assoziationsfelder muss das Buch vermitteln wie eine Ausstellung.

 

Was ist der komplizierteste Aspekt Ihrer Arbeit?

 

Die Schwierigkeit dessen, was wir tun, ist, dass wir parallel zum Zeitgeschehen etwas dokumentieren. Er hat Anfang der Neunziger angefangen. Da hat sich das Werk entwickelt. Man kann es sich politisch angucken, sozial oder ganz subjektiv.

 

Wie gehen Sie mit der mitunter feindseligen Kritik gegen Neo Rauch um?

 

Kalt ist schon wieder zu emotional. In einer freien Welt kann man alles sagen. Ob das nun über Neo Rauch ist oder über jemand anderen. Sie können über jeden Künstler etwas sagen. Die Abstrakten werden von den Figurativen oder Abstrakten Expressionisten angegriffen, weil es denen zu sehr „pop“ ist. Viele Kritiker haben da, wie jeder Mensch, auch ihre Vorlieben. Später wird die Kunstgeschichte ein eigenes Urteil fällen.

 

Neo Rauchs Bilder in der Pinakothek der Moderne (2010) Neo Rauchs Bilder in der Pinakothek der Moderne (2010)

Viele Prominente, Künstler und Sammler besitzen einen Rauch. Haben Sie denn einen Rauch?

 

Nein.

 

Das ist okay. Ich habe auch keinen.

 

Ich meine, ich hätte gern einen. Aber ich finde es auch hochspannend: dieses Werk im Buch. An der Wand ist es anders als in einem Buch. Ich arbeite mich viel lieber in die Bände ein.

 

Wann ist Ihnen Neo Rauch erstmals faszinierende Künstlerpersönlichkeit aufgefallen?

 

Das war schon Mitte der neunziger Jahre; in Einer Zeit, in der man eindeutig avantgardegeschädigt war. Früher ging es immer nur um Avantgarde. Es ging immer nur um die Zerstörung des Alten. Das war vielleicht interessant für das zwanzigste Jahrhundert. Jetzt wollen wir sehen, womit sich die nächste Generation beschäftigt.

 

Nächstes Projekt mit Herrn Rauch?

 

Das wird man sehen. Da gibt es noch große Möglichkeiten. In der Serie kommt als nächste Mike Kelly. Das ist ein großes Projekt, an dem ich schon seit Jahren arbeite.

 

Vielen Dank für das Gespräch!


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