Steigernde Wucht und eigentliche Schönheit
»Das Erhitzen von Wachskreide und ihr anschließendes Zerfließen und Erstarren in Serras Technik der drawings muss ebenfalls unter diesem Aspekt betrachtet werden, ähnlich dem Operieren mit geschmolzenem Blei in frühen Arbeiten. Die Auseinandersetzung mit dem Begriff der Entropie muss bei der Betrachtung der Werke Serras offenbar eine bisher unbeachtete Schlüsselfunktion erhalten, weil er das Modell für Serras Zeitverständnis als Strukturelement seiner Skulpturen bietet.« (S. 235/236) – Wie hier formuliert Bering Grundbegriffe oder wendet basale Begriffsbildungen auf die Plastik von Richard Serra an.
Eindrücklicher als ein Kunstband es durch bloße chronologische Abbildungsfolgen vermocht hätte, leitet Bering die sich steigernde Wucht der Plastiken her: Ein Bildband würde auf die zunehmende Größe, vermutlich auf eine sich entfaltende Monumentalität der Plastiken Serras abheben. Das umgeht die vorliegende Arbeit, indem sie die Evolution von plastischen Fragestellungen bei Serra textlich verfolgt und die Herausbildung von zunehmend komplexer werdenden Raumkonzepten des Künstlers in den Fokus rückt.
Die eigentliche Schönheit erhält das Buch durch die nach und nach sichtbar werdenden Konzeptionen und die Tragweite von Serras Ästhetik. Was im Genus des bestimmten Artikels etwas gestelzt »das Site Specifity« genannt wird, entpuppt sich als eine Betrachtungsart und eine künstlerische Verhaltensform, die mächtige Konsequenzen hat: Richard Serra wird verständlich in seinem Versuch, das alte Prinzip der Peripathetik in eine zeitgemäße, umfassende Form, in der Welt unterwegs zu sein, zu bringen.