Wegbereiter für die Moderne
In ihrem Aufsatz Courbet als Maler von Albtraum und Schlaf etwa verortet Ségolène Le Men eine Reihe themenähnlicher Bilder in der klassischen Ikonographie der Kunstgeschichte und skizziert die Entwicklung der Traumlandschaft innerhalb seines Werkes, um letztlich die Vorreiterrolle Courbets für den Surrealismus des 20. Jahrhunderts zu unterstreichen. An diesem Punkt wiederum setzt Klaus Herding mit Courbet in der Kunst der Moderne und der Gegenwart an: Er legt dar, inwieweit verschiedene Aspekte von Courbets Werk ihre Fortsetzung in der klassischen Moderne finden – von der Monumentalität der Natur, wie sie Arnold Böcklin immer wieder thematisiert, über die von Max Beckmann aufgegriffene Farbauffassung bis hin zu Gerhard Richter, der sich in zwei Fassungen von Abstraktes Bild, Courbet in den 1980ern explizit auf ihn bezieht.
Im Hinblick auf die Person des Malers zeigen sich die Katalogbeiträge zurückhaltend, sie wird vor allem im Rahmen einer Reihe von Selbstporträts im großzügig angelegten zweiten Bildteil des Bandes deutlich. Selbstverständlich darf hier das berühmte Selbstbildnis als Verzweifelter (1844/45) nicht fehlen, dem ein recht kurzer, aber gehaltvoller Begleittext zur Seite gestellt wird: Das Selbstporträt, in dem sich der Künstler mit weit aufgerissenen Augen und sich die Haare raufend zeigt, war nie für den Verkauf bestimmt (bis zu seinem Tod behielt Courbet es bei sich); vielmehr handelt es sich dabei um ein experimentelles Werk, in dem der Maler Zeugnis von seiner Verzweiflung ablegt, die er selbst in einigen Briefen beschreibt und auf seine Arbeitsüberlastung, seinen Ehrgeiz und seine Selbstzweifel zurückführt. Der Akt des Malens diente ihm als Ventil, als eine Art Selbsttherapie – auch in diesem Punkt beweist der Katalog, wie überraschend nahe der Künstler und sein Werk unserer Zeit stehen.