Rudolf Steiner - Die Alchemie des Alltags
31.03.2011
Ein genialer Streber
Es gilt einen anderen Rudolf Steiner zu entdecken: einen Visionär und Kunstschaffenden von internationalem Rang. Zur Entdeckung rät dringend MATHIAS LISTL.
Rudolf Steiner? Der mit den Waldorfschulen? Der Esoteriker? Bei den meisten von uns dürfte dieser Name nur äußerst unscharfe, bisweilen auch abschätzige Vorstellungen hervorrufen. Vielen dürften die Begriffe Antrhoposophie und Waldorfschule in den Sinn kommen, andere werden das Bild eines esoterischen Gurus vor sich haben. Nur die allerwenigsten dürften dagegen Fundiertes über die Person Steiners zu berichten haben und um die wahre Bedeutung dieser Ausnahmeerscheinung wissen. Anlässlich des 150. Geburtstag des Vaters der Antrhoposophie am 27. Februar dieses Jahres versucht eine seit Oktober 2010 laufende Ausstellung, die unglaubliche Vielseitigkeit des 1861 im damals zu Österreich-Ungarn, heute zu Kroatien gehörenden Kraljevec geborenen Tausendsassas zu vermitteln.
Rudolf Steiner, Aufnahme von 1923
Fin de siècle - eine Zeit der Umbrüche und Utopien
Zu dieser Ausstellung mit den Stationen Wolfsburg, Stuttgart, Wien und Weil am Rhein hat das Vitra Design Museum einen über 300 Seiten starken, mit einer Fülle an Bildmaterial ausgestatteten Katalog herausgebracht. Der mit Beiträgen von namhaften Autoren wie Wolfgang Pehnt, Philip Ursprung oder Walter Kugler bestückte Band, führt den Leser zurück in die Zeit um 1900, als in nahezu allen Lebensbereichen althergebrachte Ansichten und Konventionen zum Einsturz kamen. Neue Formen des menschlichen Zusammenlebens und der Körperwahrnehmung wurden in Kommunen wie der vom Monte Veritá geübt. Die fortschrittlichen bildenden wie darstellenden Künstler hatten kein Interesse mehr, die bloße Realität oder historische Begebenheiten wiederzugeben. Und auch in Architektur und Design suchte man fieberhaft nach dem Neuen und Wahrhaften.
Ein visionärer Uomo universale mit Lösungen für das 21. Jahrhundert
Fernab jeglicher Heiligenverehrung, oftmals auch mit offener Kritik, zeichnet der Ausstellungskatalog von Rudolf Steiner das Bild eines Universalgelehrten, der auf vielen dieser Gebiete erstaunlichen, oftmals erst heute zu würdigen Weitblick bewies. Praktisch kein Gebiet, auf dem er sich nicht auf der absoluten Höhe seiner Zeit gewesen, keine Idee, so scheint es, die von ihm nicht schon einmal durchgedacht worden wäre. Biologischer Landbau und das aktuelle Zauberwort Nachhaltigkeit, Reformpädagogik, Farbtherapie oder andere Formen der Alternativmedizin – alles von Steiner bereits in die Praxis umgesetzt oder entscheidend vorangebracht.
Das erste, in der Silvesternacht 1922 abgebrannte Goetheanum
Dornach - Steiners Visionen werden Architektur
Aber nicht nur die Vorreiterrolle auf dem medizinisch-therapeutischen wie pädagogischen Sektor, durch die Steiners Lehren in Zeiten von Pisa-Debakel, Dioxin-Skandal und um sich greifendem Burn-out-Syndrom von immer mehr Menschen als ernstzunehmender Rettungsanker empfunden werden, macht seine Faszination aus. Es ist nicht zuletzt Steiners intensive Auseinandersetzung mit Kunst, die sich heute oftmals von großer Aktualität zeigt. Neben seinen reformerischen Ansätzen im Bereich des Theaters, die im Beitrag von Julia Althaus thematisiert werden, legt der Katalog ein besonderes Gewicht auf Steiners Wirken als Architekt und Gestalter, das hauptsächlich im nahe Basel gelegenen Dornach Spuren hinterlassen hat. Nachdem eine Ansiedelung in München an den rigiden Bauvorschriften der bayerischen Landeshauptstadt endgültig gescheitert war, baute man dort ab 1912 an einem zentralen Versammlungsgebäude für die Anthroposophische Gesellschaft.
Um den zuerst als Johannesbau, später als Goetheanum bezeichneten Bau entstand unter Federführung Steiners nach und nach eine Art anthroposophische Kolonie mit Funktionsgebäuden für die Allgemeinheit und Villenbauten für betuchte Mitglieder. Wie die Ausführungen von Wolfgang Pehnt, Mateo Kries und Peter van der Ree darlegen, zeigen diese Architekturen deutliche Parallelen zu den gleichzeitig blühenden Strömungen des Expressionismus, des organhaften Bauens wie auch zu Entwürfen des Wiener Jugendstils und jenes architektonischen Kubismus, der weitestgehend auf Tschechien begrenzt blieb. Trotz ihrer Ähnlichkeit gegenüber Bauten Antoni Gaudìs oder Erich Mendelsohns behaupten die Dornacher Gebäude aber immer ihre eigenständige Formensprache. Und trotz der Nähe zu den Lehren eines Frank Lloyd Wright oder Hugo Häring bewahrt auch das Architekturverständnis ihres Schöpfers stets die Eigenheiten eines visionären Autodidakten.
Wilhelm von Heydebrand, drei Stühle für das Haus de Jaager, um 1923, Kunstsammlung Goetheanum Dornach
Kein Ding ist unmöglich - Steiner als Designer
Es ist insbesondere Mateo Kries, der mit seinem Beitrag über Steiner als Gestalter von Möbeln und ganzen Innenräumen entscheidend Neues über den bauenden wie entwerfenden Anthroposophen und dessen Nachwirken zu berichten weiß. Er präsentiert eine ganze Reihe von Einrichtungsgegenständen, die von Steiner mitgestaltet und in den anthroposophischen Werkstätten in und um Dornach gefertigt wurden. Wie in Steiners Architektur dominiert auch hier meist die kristalline Splitterform, die mitunter von organisch-fließenden Elementen begleitet wird. Auch wenn sich die gegenseitige Ähnlichkeit meist auf die äußere Form beschränkt, fördert Kries` Vergleich dieser Entwürfe mit Möbelobjekten der letzten 20 Jahre Verblüffendes zu Tage: Was am Anfang des 20. Jahrhunderts nur in kunstfertiger Handarbeit herstellbar war, kann heute von Architekten und Designern mit Hilfe virtueller Berechnungsmodelle ohne größere Probleme gestaltet und in beliebiger Anzahl gefertigt werden. Und so muten Entwürfe von Star-Designern unserer Zeit, wie Konstantin Grcic, Jasper Morrison oder Matalie Crasset, oft wie überarbeitete Einrichtungsgegenstände Steiners an. Aber auch Gebäude wie das Basler Schaulager von Herzog & de Meuron zeigen deutliche Anleihen am zweiten Dornacher Goetheanum.
Das zweite Goetheanum in Dornach
Die Aura Steiners überstrahlt alles andere
Was Wolfgang Pehnt kritisch in Bezug auf die Steiner-Forschung anspricht, muss man leider auch den Herausgebern von Rudolf Steiner – Die Alchemie des Alltags zum Vorwurf machen: Auch in ihrer Darstellung überstrahlt die Aura Steiners die Bedeutung aller anderen. So erfährt der Leser nur en passant etwas von den Architekten und Gestaltern, die am Gesamtkunstwerk Dornach beteiligt waren und die Ideen Steiners nicht nur praktisch umsetzten. Was machten sie vor und nach ihrer Zusammenarbeit mit ihm, welche Impulse und Neuansätze brachten sie mit in das Experiment ein, in welcher Beziehung standen sie zu den Ideen der Anthroposophie und wie fanden sie überhaupt den Weg nach Dornach? Über all diese Fragen, die in einem kurzen Artikel abzuhandeln gewesen wären, erfährt der Leser so gut wie nichts.
Trotz der immensen Fülle an Abbildungen kommt man nicht umhin, auch die Bildredaktion als wenig durchdacht zu bezeichnen. Manche (Detail-) Ansichten findet man in mehrfacher Ausführung, bei anderen ist die Suche wiederum vergeblich – vor allem ein Gesamtplan der Dornacher Kolonie wäre hilfreich gewesen. Allzu spärlich sind schließlich auch die Bildverweise in den einzelnen Beiträgen gesetzt, was lästiges Suchen zur Folge hat.
Bei aller Kritik und trotz der nicht völligen Neuartigkeit der Untersuchung: Rudolf Steiner – Die Alchemie des Alltags ist uneingeschränkt zu empfehlen. Nicht nur Architektur- und Design-Liebhaber oder Anhänger heute längst nicht mehr so alternativer Lebensführung werden auf ihre Kosten kommen und dem Urteil Hermann Hesses bewundernd beipflichten: Der sah in dem 1925 verstorbenen Steiner keinen Heiligen, sondern vielmehr einen genialen Streber auf unglaublich vielen Gebieten.

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