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Dienstag, 22. Mai 2012 | 14:24

Orientalismus in Europa. Von Delacroix bis Kandinsky

07.04.2011

Zurück in den Salon! Auf in den Orient!

Haschisch und Haremsdamen locken in die Hypo-Kunsthalle, um den Orient des 19. Jahrhunderts zu entdecken. NICO KIRCHBERGER folgte der Einladung.

 

Lange Zeit wurde sie vernachlässigt, ja geradezu verpönt, die Salonmalerei des 19. Jahrhunderts. Gegen die avantgardistischen Ismen konnte ihr akademischer Stil vor allem vor der Kunstgeschichtsschreibung des 20. Jahrhunderts nicht bestehen. Doch man steckt mitten in einer Revision dieser Ansichten. Wie es scheint, will man lange Versäumtes nun kompensieren. Neben zwei monographischen Ausstellungen zu den Salongrößen Jean-Leon Gérôme (Los Angeles, Getty Museum; Paris, Musée d’Orsay; Madrid, Museo Thyssen-Bornemisza) und Alexandre Cabanel (Köln, Wallraf-Richartz-Museum), präsentiert die Hypo-Kunsthalle in München mit ihrer Schau Orientalismus in Europa. Von Delacroix bis Kandinsky (28.1-1.5.2011) eine der wohl spannendsten Facetten der Salonkunst.

 

Der Orient - Spiegel der Sehnsucht

Folgt man der Chronologie im Ausstellungskatalog, so reicht die Epoche des Orientalismus von Napoleons Ägypten-Feldzug 1798 bis hin zum Ausbruch des 1. Weltkrieges 1914. Geographisch begann der Orient kurz hinter Wien. Der Balkan, Griechenland, das Osmanische Reich, Nordafrika und die ehemals maurischen Gebiete Südspaniens sind dazu zu rechnen. Schon im Troß Napoleons reiste eine beachtliche Zahl von Künstlern mit. Neben der Verewigung militärischen Heldentums sollte die Reise auch wissenschaftlich dokumentiert werden. Was die Maler vor Ort fanden, war ein wundervolles Licht und ein ganzes Repertoire neuer Motive. Was sie nach Paris in den Salon transportierten, war eine Phantasmagorie. Zeitentrückt zwischen Traum und Realität, aufgeladen mit einem explizit erotischen Voyeurismus. Und genau danach verlangten die Salonbesucher auch! Sinnliche weibliche Schönheit und die Lockungen lustvoller Versprechungen. Das Verlangen der Daheimgebliebenen nach märchenhaften Scheherazaden wurde mit Szenen vom Sklavenmarkt und aus dem Harem gestillt und weiter angeheizt. Dabei hatten westliche Künstler nur selten die Möglichkeit einmal einen Harem zu betreten – Eugène Delacroix macht hier eine Ausnahme.

 

Gustav Bauernfeind, Die Klagemauer, Jerusalem, um 1880, Doha, Orientalist Museum Gustav Bauernfeind, Die Klagemauer, Jerusalem, um 1880, Doha, Orientalist Museum

Internationaler Orientalismus

Wer in München nach den großen Leitbildern der Orientmalerei – Ingres „Großer Odaliske“ oder „Bonaparte bei den Pestkranken von Jaffa“ von Antoine-Jean Gros – sucht, der wird sie dort nicht finden, muss deswegen aber keineswegs enttäuscht sein! Dem Besucher bieten sich hier viele „Neuentdeckungen“. Dabei macht Kurator Roger Diederen klar, dass der Orientalismus kein genuin französisches Faszinosum darstellt. Über die vielen Künstler aus aller Herren Länder kann man sich im Katalog leider nur häppchenweise etwas lesen. Gerade zu Persönlichkeiten wie dem Deutschen Gustav Bauernfeind, der letztlich gar nach Palästina übersiedelte, oder dem großartigen französischen Bildhauer Charles Cordier, der immerhin mit acht seiner wundervollen „Afrikanerbüsten“ in der Ausstellung vertreten ist, würde sich der Leser ausführlichere Informationen wünschen. Kurze Künstlerbiografien am Ende des Katalogs – eigentlich eine gängige Praxis – hätten dafür genügt.

 

Edward Poynter, Israel in Ägypten, 1867, London, Guildhall Art Gallery Edward Poynter, Israel in Ägypten, 1867, London, Guildhall Art Gallery

Religion und Wissenschaft

Ein Beweggrund für die Orientreise vieler Künstler waren die Stätten im Heiligen Land, deren Landschaften man sich seit Jesus Zeiten als unverändert vorstellte. So wurde an den vermeintlichen Originalschauplätzen studiert und fotografiert, um es dann nach der Rückkehr in kolossale Bildschöpfungen umzusetzen. Bruno Piglheins Panorama Jerusalem am Tag der Kreuzigung Christi (1892 zerstört) oder James Tissots Bibelzyklus zeugen davon. Gerade im Hinblick auf letztgenannten Künstler macht es sich der Katalogautor Jan de Hond zu einfach, wenn er für die Bibel-Auseinandersetzung des 19. Jahrhundert nur die »Arabisierung der Bibel« anführt. Dass gerade Tissot nur an der »historischen Wahrheit« interessiert gewesen sei, davon kann nicht die Rede sein. Der Künstler war ebenfalls ein leidenschaftlicher Anhänger des Spiritismus, wovon die Vorliebe für die Darstellung übersinnlicher Erscheinungen in seinem Bibelzyklus zeugt.

Der Westen bewunderte damals die Innbrünstigkeit mit der das arabische Volk seine religiöse Kultur praktizierte. Einige Gemälde geben dies eindrucksvoll wieder, etwa Ludwig Deutschs Gebet am Morgen. Ein Aspekt, der im Katalog auch viel zu kurz kommt, wie überhaupt die konfliktreiche Auseinandersetzung zwischen Christentum und Islam, die in manchen Historiengemälden drastisch zu Tage tritt, unthematisiert bleibt.

Auch gegen eine vertiefte Betrachtung der Thematik von Peter Benson Millers Beitrag wäre nichts einzuwenden gewesen. Hierin wird das wissenschaftlich-ethnologische Interesse der Künstler gestreift und ihr Anteil an der Entwicklung von Rassenästhetik und Rassenstereotypen erwähnt.

 

,,Moderne" Orientalisten?

In einem seiner drei Katalogbeiträge veranschaulicht Diederen, wie die »grand tour« der Künstler zu den antiken Ruinen Italiens und den Jahrtausendkunstwerken Roms gegenüber einer Reise in den Orient immer mehr an Bedeutung verlor. Künstler wie Delacroix glaubten, in Nordafrika »die klassische Schönheit« wiedergefunden zu haben.

Problematisch wird es jedoch, wenn man auch Künstler der Moderne, wie Matisse, Kandinsky oder Klee zu Orientalisten machen will. Diese leiteten ganz andere Intentionen als ihre Vorgänger. Sie hatten sich auf die Suche nach Inspiration gemacht und diese in Mustern und Ornamenten, vornehmlich in der Kunst der so genannten Primitiven, gefunden. Und schon lange suchte man nicht mehr allein im Orient danach, sondern in allen vermeintlich unberührten Gegenden der Welt. Leider versäumen es sowohl der Katalogbeitrag von Roger Benjamin als auch die Ausstellung hier eine Differenzierung zu unternehmen. Treffender wäre es, hier von Exotismus statt von Orientalismus zu sprechen.

 

Charles Cordier, Die afrikanische Venus, 1851, Bronze, Paris, Musée de l'Homme Charles Cordier, Die afrikanische Venus, 1851, Bronze, Paris, Musée de l'Homme

Ausstellung und Katalog harmonieren gut miteinander. Zu den thematisch geordneten Räumen finden sich im Katalog die entsprechenden Erläuterungen. Es ist eine opulent gestaltete Ausstellung. Die wechselnde farbige Gestaltung der Wände ist stimmig und gelungen. Skulpturen lockern die Gemäldeschau auf. Auch die Abbildungsqualität im Katalog kann sich sehen lassen. Da die Ausstellung zuvor schon in Brüssel (Musées royaux des Beaux-Arts) gastierte und im Anschluss noch in Marseille (Centre de la Vieille Charité) gezeigt wird, enthält er sogar mehr Werke als vor Ort präsentiert werden konnten. Die zwölf Aufsatzbeiträge von neun Autoren bieten jeweils wissenschaftliche Einführungen, in die Tiefe gehen sie jedoch nicht. Tatsächlich wird der Orientalismus als »kulturelles Phänomen« (Davy Depelchin), nicht kunsthistorisches betrachtet. Über die Sektion der Moderne und ihre Zugehörigkeit zum Orientalismus kann man diskutieren. In dieser reduzierten Form bildet sie einen schönen Abschluss der Ausstellung und gibt einen Ausblick darüber hinaus. Obwohl so mancher Besucher sicher nichts gegen die ein oder andere Haremsdame mehr einzuwenden hätte.

 

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