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Dienstag, 22. Mai 2012 | 14:27

Helga Thalhofer: Tanz in der bildenden Kunst

12.05.2011

Anspruch und Diskrepanz

Eine Arbeit zum »Tanz in der bildenden Kunst« ist nun endlich geschrieben – das dringende Forschungsdesiderat bleibt jedoch weiterhin bestehen. VON NICO KIRCHBERGER

 

Der Rahmen stimmt. Die Bühne ist bereitet. In festliches Rot kleidet der Wienand Verlag eine Monographie, die den »Tanz in der bildenden Kunst« – von der altägyptischen Malerei bis in die Gegenwart der Installations- und Performancekunst – zum Thema hat. Ein großes Unterfangen, zumal vergleichbare Gesamtdarstellungen bislang fehlen.

Wie aber sind die gut 280 Seiten gefüllt? Das ist schnell beantwortet: hauptsächlich mit Bildern. 178 große, jeweils eine Dreiviertel-Seite einnehmende Katalognummern, denen erläuternd drei bis vier Sätze mit (zumeist überflüssigen) Bildbeschreibungen oder Zitaten beigegeben sind.

 

Musikantinnen und Tänzerinnen 
aus dem Grab des Nebamun, 
Theben um 1350 v. Chr., 
18. Dynastie, London, 
British Museum. Musikantinnen und Tänzerinnen
aus dem Grab des Nebamun,
Theben um 1350 v. Chr.,
18. Dynastie, London,
British Museum.

Der Tanz als Vater des Gedankens

Im Inhaltsverzeichnis findet man nicht weniger als vierundzwanzig Kapitelnamen bzw. Kategorien. Ein jedes für sich würde Anlass für eine eigenständige wissenschaftliche Abhandlung bieten. In diesem Fall allerdings sind die einzelnen Themen sehr komprimiert dargestellt. Will heißen: zu so zentralen Themen wie dem Reigen oder dem Totentanz sind jeweils nur zwei einleitende Textseiten vorangestellt. Beim Kapitel Solotanz und Tanzpaar in den 1910er bis 1930er Jahren fehlen diese sogar ganz. Und das, obwohl die Autorin – wie es einleitend heißt – den Schwerpunkt der Arbeit genau in eben jener Zeit verortet.

So ist dem Hauptteil der Arbeit ein Einschub über den „Tanz als Motiv für große Künstler des 20. Jahrhunderts“ vorangestellt. Hier wird die Bedeutung des Tanzes für das Oeuvre einiger Protagonisten der Moderne – Matisse, Picasso, Nolde, Kirchner und Beckmann – jeweils in einer halbseitigen Erläuterung vorstellt. Was genau damit bezweckt werden soll, wird nicht verständlich.

 

Mehr Einheitlichkeit im Aufbau der Arbeit wäre wünschenswert gewesen. Die Kapitel sind an sich nach Motiven, in sich jedoch chronologisch geordnet. Exemplarisch sei hier an dieser Stelle ein kurzer Blick auf das Kapitel Tanz in Ritus und Religion geworfen. Nach den zwei einleitenden Seiten findet man u.a. Bildbeispiele eines Mysterientanzes aus der pompeijanischen Wandmalerei, die Illustration des Tanzes um das goldene Kalb aus Sebastian Brants Narrenschyff und eine Federzeichnung von Isadora Duncans Skythentanz. Wobei es mehr als fraglich ist, ob letztgenannter in diesem Kapitel eine echte Berechtigung hat. Schließlich ist er eine Form des Ausdruckstanzes um 1900, hinter dem andere Intentionen stehen als Ritus und Religion. Bedauerlicherweise hat der Ausdruckstanz – als wichtigste Neuerung der Tanzkultur um 1900! – kein eigenes Kapitel erhalten, weshalb sich Bildbeispiele zu diesem noch in mehreren anderen Kategorien, etwa zum Spanischen Tanz oder dem Schleiertanz finden.

 

Die Kapitel sind prinzipiell offen gestaltet. Nicht nur beim Ausdruckstanz überschneiden sich Kategorien. So taucht auch ein (jüdischer) Hochzeitstanz im Kapitel Tanz in Ritus und Religion auf und nicht im selbstständigen Kapitel zum Fest- und Hochzeitstanz. Die Kategorien erweisen sich nicht wirklich als konzise und nachvollziehbar.

 

Emil Nolde, 
Birmatänzerin um 1913, 
Holz, 24,2 cm, 
Nolde Stiftung Seebüll Emil Nolde,
Birmatänzerin um 1913,
Holz, 24,2 cm,
Nolde Stiftung Seebüll

Eine Formfrage

Die Autorin erhebt keinen Anspruch auf die Vollständigkeit ihrer Abhandlung, was bei diesem Sujet auch gar nicht möglich erscheint. »Subjektive Ausschnitte« will sie liefern. Doch gerade hier wird es problematisch, dem dezidiert formulierten »wissenschaftlichen Anspruch« der Arbeit gerecht zu werden.

Helga Thalhofer ist Komparatistin an der LMU in München. Begeisterung und Sachverstand für die Thematik sind der Autorin sicherlich nicht abzusprechen. Erstere vermag der Band auch spürbar zu vermitteln. Von einer »Bereicherung der Forschung in der Kunst- und Kulturgeschichte und der Tanzwissenschaft« hingegen kann man wohl nicht sprechen. Ein Diktum wie: »Die hier versammelten Tanzdarstellungen sprechen daher am besten für sich [...]« disqualifiziert und klingt nach einer Rechtfertigung.

 

Man muss sich die Frage stellen, wie die Publikation einzuordnen ist. Der Form nach entspricht sie einem Ausstellungskatalog – ohne Ausstellung freilich. Es ist definitiv kein Nachschlagewerk. Man mag es als Studie bezeichnen, als Einführungswerk, als »quantitativ und motivisch erweiterbare« Sammlung eben. Dafür hätte ein anderes, kleineres Format ausgereicht. Vielleicht aber ist das Buch auch selbst mit seinem opulenten visuellen Rahmen als – freilich etwas schlingernder – Tanz inszeniert.


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