Gartenstadt Hellerau. Die Geschichte ihrer Bauten
12.05.2011
Das Who is who der deutschen Reformbewegung
Einen äußerst lohnenswerten Blick zurück auf eine kompetente Darstellung der Gartenstadt Hellerau wirft MATHIAS LISTL.
Am Anfang war der Fehler – Konzentrationsmängel, Missverständnisse und Verleser; wer kennt sie nicht, diese und andere kleine Tücken des Alltags. Unbemerkt schleichen sich solche Fehlerteufel in unseren Kopf und sorgen für Katastrophen kleinerer oder größerer Art.
Mit dem Hinweis auf menschliche Schwächen dieser Art sei schließlich entschuldigt, dass im Folgenden anstelle der sonst üblichen Neuerscheinung eine Publikation zur Besprechung kommt, deren Veröffentlichung schon beinahe drei Jahre zurückliegt. Bereits 2008, anlässlich der im folgenden Jahr begangenen Einhundertjahrfeier ihres Baubeginns nämlich, brachte die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen die hier zu besprechende Darstellung der berühmten Dresdener Gartenstadt Hellerau heraus. Neben der wechselhaften Geschichte, dem kulturellen Leben sowie der Architektur der bald mit Titeln wie »Deutsches Olympia« und »Stadt der Zukunft« gerühmten Anlage standen dabei nicht zuletzt die zentralen Köpfe im Fokus, die maßgeblich am Entstehen der Gartenstadt beteiligt waren.
Otto Dix, Porträt Karl Schmidts,
1942
Karl Schmidt - der Holz-Goethe
Allen voran ist dies die weitsichtige Persönlichkeit ihres Gründers, des gelernten Tischlers und Möbelfabrikanten Karl Camillo Schmidt, die einem insbesondere in Klaus-Peter Arnolds Artikel näher vor Augen geführt wird. Schon früh erkannte dieser – nach Meinung des Architekten Fritz Schumacher – »des Merkens würdige Mann« das ungeheure Potential, das die Verbindung von Handwerk, industrieller Fertigungsmethoden und Kunst im Verlauf des 20. Jahrhunderts entfalten sollte. So war Schmidt, von vielen auch liebevoll »Holz-Goethe« genannt, nicht nur einer der Gründerväter des 1907 aus der Taufe gehobenen Deutschen Werkbundes. Er war es auch, der einige Jahre zuvor damit begonnen hatte, die deutschen Vorreiter der künstlerischen Reformbewegung mit Aufträgen an sich zu binden. Aufgeschlossen gegenüber dem Neuen bot er ihnen die Möglichkeit, ihre neuen gestalterischen Ansätze in die Realität umzusetzen. Überbordendes Ornament, Vortäuschung falscher Materialität und alleinige Ausrichtung auf Geschmack und Bedürfnisse der Oberschicht wurden dabei durch den Glauben an Materialgerechtigkeit, Ehrlichkeit und Einfachheit der Gestaltung sowie das »Möbel für jedermann« ersetzt.
Richard Riemerschmid,
Wohnstube der Arbeiterwohnung, Maschinenmöbel auf der Kunstgewerbeausstellung
1906 in Dresden
Richard Riemerschmid und die Geburt von Hellerau
Richard Riemerschmid, der wohl bedeutendste unter den Reformern, entwarf ab 1902 Möbel, Gebrauchsgegenstände oder ganze Schiffseinrichtungen für Schmidts kurz zuvor ins Leben gerufenen Dresdener Werkstätten für Handwerkskunst (später Deutsche Werkstätten Hellerau). Seinem späteren Schwager übertrug der Fabrikant auch die Aufgabe, eine neue Fertigungsstätte zu errichten, da die alte Produktionshalle der Firma – nicht zuletzt aufgrund des enormen Erfolges von Riemerschmids »Maschinenmöbeln« – längst zu klein geworden war. Doch die Nutzarchitektur der Möbelfabrik bildete nur das Herz von Schmidts Bauvorhaben. Zusammen mit Riemerschmid und Wolf Dohrn machte er sich daran, im Umkreis des ausgewählten Grundstückes vor den Toren Dresdens eine ungleich größere Kolonie mit Häusern und Läden für die eigenen Arbeiter zu planen. Riemerschmid, auf dessen Weg nach und Wirken in Hellerau Heidrun Laudels Artikel detailliert eingeht, besorgte den Gesamtplan, der schließlich auch Bereiche für von Dritten zu errichtende Landhäuser und von der Allgemeinheit zu nutzenden Raum beinhaltete.
Die ab 1909 einsetzende teilweise bauliche Umsetzung im Detail sollte schließlich das Who is who der deutschen Reformarchitektur besorgen. Neben Riemerschmid waren dies insbesondere Hermann Muthesius und Heinrich Tessenow, die dem Leser von Henrik Karge beziehungsweise Marco De Michelis prägnant vorgestellt werden. Weitere namhafte Architekten wie Theodor Fischer oder Kurt Frick sorgten mit ihren Entwürfen zusätzlich für die letztendliche Vielgestaltigkeit des Ensembles.
Hermann Muthesius,
Straßenzug "Am Dorffrieden"
von Süden, 1910-11
Ebenezer Howard und das Vorbild aus England
Eine weitere Persönlichkeit, die – ohne Wissen und eigenes Zutun – ebenfalls entscheidenden Einfluss auf Hellerau ausübte, kam dagegen aus England. Die dort am frühesten zutage tretenden negativen Folgen der Industrialisierung für die unteren Gesellschaftsschichten riefen bekanntlich eine ganze Reihe von Reformern und Utopisten auf den Plan. Auf ganz unterschiedliche Weise wollten sie alle den schlechten Wohn- und Lebensbedingungen in den allzu schnell gewachsenen Städten beikommen. Wie Kristiana Hartmann in ihrem Beitrag erläutert, war Ebenezer Howard dabei nicht der erste und einzige, der eine Lösung dieser Probleme in nach ganzheitlichen Gesichtspunkten geplanten Siedlungen im Grünen sah. Er war es aber, der mit seinem 1898 erschienen Buch Tomorrow. A Peaceful Path to Real Reform entscheidende Anregungen für die Gründung der englischen Garden City Association und die ab 1903 in Letchworth beginnende Errichtung der ersten Gartenstadt lieferte.
Heinrich Tessenow,
Festspielhaus Hellerau, 1911-12,
Aufnahme aus dem Jahr 1913
Hellerau als »Reformpaket« - Nahrung für Körper und Geist
Wenn auch in Details vom englischen Vorbild abweichend teilte Hellerau eine ganze Reihe wesentlicher Merkmale mit den Garden Cities auf der Insel. Neben guter Luft, Naturnähe und bewusster Verbindung von Arbeit und Wohnen war eines der Hauptanliegen der Konzeption auch hier das kulturelle Leben. Dessen Niveau steigerte nicht zuletzt der Schweizer Musikpädagoge Emile Jacques-Dalcroze, der das bekannte, von Tessenow geplante Festspielhaus für kurze Zeit zu einem Anziehungspunkt für Kulturinteressierte aus aller Welt machte. Illustre Persönlichkeiten wie Stefan Zweig, Franz Kafka, Thomas Mann oder Max Reinhardt mischten sich unter das begeisterte Publikum der erstmals 1912 abgehaltenen Festspiele. Sie und viele andere Größen der geistigen Elite Europas wurden Zeugen dafür, wie in Hellerau eine radikale Veränderung der bis dato üblichen Aufführungspraxis von Musik, Tanz und Theater in Angriff genommen wurde. Aber auch andere Einrichtungen – so der Verlag von Jakob Hegner oder der Deutsche Werkbund, der zeitweilig seine Geschäftsstelle in Hellerau hatte – machten den Ort zu einer mit Leben erfüllten Verbindung unterschiedlichster Reformansätze.
Walter Reitz,
Haus Chrambach,
1929-30
Über die Frühphase hinaus - Entdeckungen im kaum bekannten Hellerau
Wenn auch das Jahr 1914 ein jähes Ende des Höhenfluges der Gartenstadt bedeutete, ging das Leben in Hellerau auch nach dieser allgemein bekannten Frühphase der Reformkolonie weiter. Es ist vielleicht das eigentliche Verdienst der Publikation, dem Leser auch den weiteren Werdegang Helleraus vom langsamen Niedergang in der Zwischenkriegszeit, über das Schicksal nach 1945 bis hin zur neuerlichen Blüte in den Nachwendejahren aufzuzeigen. Sicherlich, die Qualität der nach 1918 entstandenen Bauten beispielweise war nun mitunter nicht mehr auf der absoluten Höhe der Zeit. Wie man im Beitrag von Nils Schinker erfahren kann, gibt es dennoch auch aus diesem Zeitraum einzelne architektonische Perlen zu entdecken, so etwa das Plattenhaus von Bruno Paul oder das von Walter Reitz im Stil des Neuen Bauens entworfene Haus Chrambach. Nicht zuletzt zählen zu diesen Entdeckungen auch die über 50 innerhalb der Gartenstadt realisierten, heute allesamt noch erhaltenen Holzhäuser. Geschichte und Bauweise dieser von den Deutschen Werkstätten Hellerau ab 1921 in Fertigbauweise hergestellten »Maschinenhäuser« schildert schließlich Claudia Klinkenbusch.
Aus Fehlern wird man klug
Fazit: Der eingangs erwähnte Fauxpas zeitigte nach Meinung des Autors dieser Rezension nur positive Folgen. Und das Sprichwort, nach dem man aus Fehlern lernt oder klug wird, bewahrheitete sich für ihn voll und ganz. Klar verständlich und übersichtlich wird in Gartenstadt Hellerau. Die Geschichte ihrer Bauten die inhaltliche wie architektonische Planung und Entwicklung der Reformkolonie zusammengefasst, ohne sich nur auf Altbekanntes zu konzentrieren. Das Fehlen eines Fußnotenapparates, der aus wissenschaftlicher Sicht mehr als wünschenswert gewesen wäre, versüßen einem die dem Band zahlreich beigefügten farbigen Fotografien von Margret Hoppe. Nicht zuletzt sie und der angehängte Katalog mit Daten und Fakten zu allen wichtigen Gebäuden der Gartenstadt machen die Darstellung zu einer dem Anlass würdigen Publikation. Also ein mehr als lohnens- und empfehlenswerter Blick zurück!


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