Mit den alten Meistern auf Du und Du
Am Anfang der Ausstellungsbesprechungen steht die Duccio-Schau in Siena aus dem Jahr 2003. Die fast meditative Bildbeschreibung der Maestà (1308-11) bildet einen spannungsvollen Kontrast zum humorvollen, aber eindeutigen Urteil über das Ausstellungskonzept: »Zu warnen ist vor dem Besuch des oberen Stockwerks mit den pittori ducceschi, also den Nachfolgern. Es gibt auch dort anrührende Tafeln, aber bald fühlt man sich übersättigt von so viel zarter Marienroutine.«
Sein Talent, den Tonfall der jeweiligen Stilrichtung der behandelten Künstler anzugleichen, beweist Sauerländer in der Besprechung der Jan van Eyck-Schau 2002 in Brügge: Tief beeindruckt zeigt er sich von der »fast frostigen Distanz« der van Eyckschen Bildnisse mit ihrer »in sich gekehrten Frömmigkeit«.
Sauerländers Vorliebe für die altniederländische Malerei wird augenscheinlich im Kapitel über Rogier van der Weyden und den Meister von Flémalle (2008, Frankfurt a. M.): Der Untertitel der Kolumne in der SZ lautete Die schönste Altniederländer-Ausstellung seit Jahrzehnten, die einfühlsamen Bildbetrachtungen verraten den begeisterten Kenner. Spätestens hier wird deutlich: In den Rezensionen zeigt Sauerländer sich befreit von der wissenschaftlichen Fessel der Fußnoten und der akademischen Restriktionen in Bezug auf ästhetische Urteile – zugleich rechnet er augenzwinkernd ab mit dem bisweilen »anti-aufklärerische[n] Geschäft« allzu bemühter kunsthistorischer Bildexegese.
Deutliche Antipoden in der Annäherungsweise an die großen Meister bilden die Kapitel zu Raffael und Dürer: Während sich in der Raffael-Rezension die süße Lieblichkeit von den Gemälden auf den Text überträgt und Sauerländer einen Ton anschlägt, der für den an einen nüchtern-sachlichen Tonfall wissenschaftlicher Beschreibungen gewöhnten Leser schwer verdaulich ist, gerät der Kunsthistoriker in Staunen angesichts von Dürers »kühlem, diagnostischem Blick«. Geradezu erfrischend liest dieser Text sich im Vergleich zur vorangehenden Raffael-Schwelgerei, der sich nur in der direkten Konfrontation der Rezensionen in der Buchform nachvollziehen lässt – und gerade aus dieser Zusammenstellung der sonst verstreut und unregelmäßig publizierten Texte bezieht der Band seine unbedingte Daseinsberechtigung.