Vielfalt, die verblüfft
André Breton, der Kopf der Surrealisten, definierte den Objektbegriff gar als Quintessenz surrealistischer Theorien und rief die »Mystik des Gegenstandes« aus. Mit Duchamps Readymades (1913/14) als Vorläufer verwandelten die Künstler allgemeine in wunderbare Dinge. Dabei zählte weniger das verwendete Material, als die psychologische Wirkung auf die Affekte des »interaktiven Betrachters«. Man Rays Geschenk (Cadeau, 1921), ein eisernes Bügeleisen, reißt mit seinen Nägeln an der Unterseite mehr Wunden in den Stoff, als ihn zu glätten. Bei Dalís Aphrodisisches Telefon (1936) spricht man statt in den Hörer in einen Hummer und bei Meret Oppenheim trinkt man Tee aus der berühmten Pelz-Tasse (1936).
Insbesondere Einrichtungsgegenstände wurden von den Surrealisten in humoristisch-erotischer Manier designt: Kurt Seligmann befiederte das Äußere einer Suppenschüssel mit Hühnerfedern und stellte ein Möbel mit bestrumpften Frauenbeinen her. Der weibliche Körper als Hauptthema surrealistischer Kunst fiel auch hier der Fetischisierung, wenn nicht sogar der Objektivierung, anheim. Als »Inbegriff surrealistischer Objekte« gelten laut Kuratorin Ingrid Pfeiffer auch die 16 Mannequins der Ausstellung von 1938, die jeder Künstler nach seinem Geschmack gestalten konnte.
Der informationsreiche erste Aufsatz von Pfeiffer klärt auf über die Geschichte, Hintergründe und Entwicklungen der Objekt-Kunst im Surrealismus und beantwortet die brennende Frage nach der Differenzierung zwischen Skulptur und Objekt. Biographien aller Künstler, Fotos der damaligen Ausstellungs-Arrangements und von heute zerstörten Kunstwerken komplettieren den dichten Überblick über diesen spannenden Zweig surrealistischer Kunstideologie. Über das Fehlen einer vollständigen Bibliographie mit aktuellem Forschungsstand trösten die gut recherchierten Aufsätze mit weiterführender Literatur in den Fußnoten hinweg.
Alles in allem ein Katalog zum Eintauchen in die surreale Welt der Dinge, der auf ihre verblüffende Vielfalt und Dichte aufmerksam und auf weitere Publikationen darüber neugierig macht.

