Alberto Giacometti
26.05.2011
Kunst als Ergebnis des Scheiterns
Wie entsteht Kunst? Aus dem Scheitern. Aus der Erkenntnis, dass das Ergebnis nicht mit der Vorstellung übereinstimmt und aus dem unermüdlichen Versuch, mit dem nächsten Werk der Vorstellung näher zu kommen. Von JÖRG ESCHENFELDER
Eine Sisyphos-Arbeit, aus der der Künstler nicht heraus kann. Immer wieder muss er den Versuch unternehmen. Das war auch der Antrieb für Alberto Giacometti (1901 – 1966), dem das Salzburger Museum der Moderne (MdM) Mönchsberg unter dem Titel Alberto Giacometti. Der Ursprung des Raumes noch bis zum 3. Juli eine sehenswerte Ausstellung widmet. »Wenn ich meine Sachen in einer Ausstellung sehe (...) dann bin ich der Erste, der meint, sie seien besser, als was irgendein anderer macht. Aber dann gebe ich mir auch Rechenschaft darüber, dass das überhaupt nichts zu tun hat mit dem, was ich hoffe, einmal machen zu können.« (Alberto Giacometti, 1964) Aus diesem Scheitern, dem vergeblichen Versuch, den Menschen im dreidimensionalen Raum zu greifen und zu bilden, dem vergeblichen Versuch, den Gesetzen der Optik gerecht zu werden, entstand seine Art Skulpturen zu formen. Mit überlangen, filigranen Körpern, klobigen Füßen und Sockeln. Figuren, die aus der Ferne wie ungeformte Striche oder kleine Punkte wirken. Doch in der räumlichen Annäherung werden daraus plötzlich, Köpfe, Arme, Beine – wandeln sich Punkte und Striche zu Menschen. Kurzzeitigen Lebewesen, die durch die Entfernung wieder verschwinden.
Mit der Ausstellung sind zum ersten Mal seit 15 Jahren wieder Werke von Alberto Giacometti in Österreich zu sehen. Das Salzburger MdM präsentiert in den Oberlichtsälen des Mönchsberges 50 Skulpturen und an die 30 Gemälde, die einen umfassenden Überblick über das Schaffen der Jahre 1945 bis 1965 bieten. Eine gelungene, interessante Ausstellung mit einem vielschichtigen Einblick in das reife Werk des Künstlers, der immer wieder versuchte, den Menschen in seinem Raum zu fassen und zu gestalten. »Der Raum existiert nicht, man muss ihn schaffen. (...) Jede Skulptur, die vom Raum ausgeht, als existiere er, ist falsch, es gibt nur die Illusion des Raums.« (Alberto Giacometti, 1949) Die Salzburger Ausstellung zeigt zentrale Schlüsselwerke Giacomettis der Jahre 1940 bis 1960; zum Beispiel Le Nez/Die Nase, Homme qui marche/Schreitender Mann, La Forêt/Der Wald, Homme qui chavire/Taumelnder Mann, La Cage/Der Käfig, Trois hommes qui marchent/Drei schreitende Männer und Grande tête mince; zudem sind jene Skulpturen-Gruppen zu sehen, die Giacometti in den 1950er Jahren für die Chase-Manhattan-Bank in New York entworfen hatte.
Die Auswahl und die gelungene großzügige Anordnung geben den Skulpturen reichlich Raum – lassen sie wirken. Hinzu kommt das Zusammenspiel mit Giacomettis Skizzen, Zeichnungen und Malereien. Diese zweidimensionalen Arbeiten stehen in engem Zusammenhang mit seinen Plastiken, geben das Ringen um die Form und Gestaltung wieder, führen eine stumme Zwiesprache. So zum Beispiel die seltenen Atelierbilder Pommes dans l’atelier/Äpfel im Atelier und L’Atelier/Atelier. Besonders beeindruckend ist Giacomettis Ringen um ein adäquates Abbild des japanischen Philosophen Isaku Yanaihara. Ein Ringen, das Giacometti zur Verzweiflung und zugleich zu neuem Schaffen trieb. Die Ausstellung Alberto Giacometti. Der Ursprung des Raumes ist in Kooperation mit dem Kunstmuseum Wolfsburg entstanden und zeigt zentrale Arbeiten aus dem Nachlass des Künstlers sowie aus internationalen Museums- und Privatsammlungen. Bei Hatje Cantz ist dazu unter dem Titel Alberto Giacometti (Herausgegeben von Markus Brüderlin und Toni Stooss) ein reich illustrierter Bildband erschienen. Um das Bild von Alberto Giacometti, dem Künstler und dessen Schaffen abzurunden, gibt es im MdM Mönchsberg zeitgleich noch die Fotoausstellung Alberto Giacometti. Das Atelier des Künstlers. Aufnahmen von Henri Cartier-Bresson, Ugo Mulas, Kurt Blum, René Burri, Herbert Matter, Robert Doisneau und vielen mehr legen ein fotografisches Zeugnis vom Leben, Arbeiten und Schaffen des Künstlers ab.

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