Die Antike als Stütze der Nation - Klassische Archäologie als staatliches Propagandamittel
Warum das klassische Altertum und mit ihm seine künstlerischen Ausdrucksformen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hauptsächlich in diese Krisensituation schlittern konnten, wird dem Leser in vielen der weiteren Beiträge immer wieder bewusst gemacht. War die klassische Antike, speziell die römische Republik, im Frankreich des ausgehenden 18. Jahrhunderts noch als großes Vorbild für ein Volk in Erscheinung getreten, das gerade dabei war, sich seiner einstigen Beherrscher zu entledigen, geriet die Verbindung von klassischer Antike und Demokratie ab dem 19. Jahrhundert mehr und mehr in den Hintergrund. Erst waren es die sich herausbildenden Nationalstaaten, im 20. Jahrhundert dann vor allem Diktaturen – wie beispielsweise Italien unter Mussolinis –, die Kunst und Repräsentationsformen des klassischen Altertums für sich in Anspruch zu nehmen wussten.
Wie eine derartige Beschlagnahme selbst auf regionaler bis lokaler Ebene erfolgen konnte, führt dem Leser unter anderem Irene Barbiera vor Augen. Am Beispiel der Entdeckung des Grabes des sogenannten Gisulf in Cividale del Friuli gegen Ende des 19. Jahrhundert zeigt die italienische Historikerin, wie archäologische Funde als Mittel der Profilierung gegenüber anderen ethnischen Gruppen wissentlich missgedeutet werden konnten. Dass kleinere Geschichtsverfälschungen dieser Art nicht unwesentlich dazu beitrugen, noch viel größeren historischen Lügengebäuden den Boden zu bereiteten, thematisiert Barbiera schließlich im zweiten Teil ihres Aufsatzes: Die Wurzeln der faschistischen Stereotypen martialischer Soldatenstilisierungen reichen bis zu den Fehlinterpretationen antiker Kriegergräber im 19. Jahrhundert wie dem des Gisulf zurück.