Fritz Edlinger: Libyen
16.12.2011
Libyen am Scheideweg
Bürgerkrieg, NATO-Intervention und die gewaltsame Beseitigung Muammar al-Gaddafis stellen einen gewaltigen Einschnitt in der jüngsten Geschichte Libyens dar, nicht weniger als die Revolution von 1969 oder die italienische Kolonialherrschaft. Wohin dieser neuerliche Umbruch führen wird, ist im Augenblick nur schwer abzusehen. Zeit also, um innezuhalten und ein Resümee der Gesellschaft und Politik Libyens in den vergangenen Jahrzehnten zu ziehen, wie dies der vom Generalsekretär der österreichisch-arabischen Gesellschaft, Fritz Edlinger, herausgegebene Sammelband Libyen versucht. Von PETER BLASTENBREI
Am informativsten in dem Band sind die Artikel des Geografen Konrad Schliephake zur Demografie Libyens seit der Kolonialzeit und des Anthropologen Thomas Hüsken zur politischen Soziologie Ost-Libyens. Sie sind übersichtlich, gut lesbar und beruhen auf verlässlichen, in jahrelanger Feldforschung gewonnenen Ergebnissen.
Libyen hat nach der Unabhängigkeit 1951 ein rasantes Bevölkerungswachstum erlebt (Schliephake), das mittlerweile als Folge des wachsenden Wohlstandes verebbt ist. Trotz der naturbedingt extrem ungleich verteilten Besiedlung ist die Bevölkerung heute sehr homogen, das Nomadentum auf ein Minimum gesunken (bereits 1973 unter 4 Prozent der Einwohner).
Was heißt Stammeskultur?
Bindungen an Stamm und Großfamilie haben das Ende des Nomadisierens allerdings überlebt. Doch sollten solche Bindungen nicht in gewohnter westlicher Sicht als antimoderner Archaismus verstanden werden, sondern als Ergänzung zu den Defiziten moderner Staatlichkeit, die in Libyen ohnehin nur schwach entwickelt ist. Dem hat auch Gaddafi selbst, anfangs panarabischer Gegner des Tribalismus, schließlich Rechnung getragen. Hüsken interpretiert sogar Gaddafis im Westen oft verspottete »Verkleidungen« als komplexes Signalsystem innerhalb der intakten libyschen Stammeskultur.
Für Ost-Libyen um Bengasi stellt Hüsken heute drei Machtschichten abseits von den staatlichen Strukturen fest, das Netzwerk der Stammesführer und Ältesten, das der muslimischen Prediger und die informellen Gruppen der jugendlichen Aufständischen. Künftige Konflikte könnten sich daran entzünden, dass sich weder die meist zur Unterschicht gehörenden Anhänger der Prediger noch die jungen Kämpfer dauerhaft mit der etablierten Macht der Stammesführer arrangieren.
Fakten und Impressionen
Die Wiener Anthropologin Ines Kohl zeichnet für zwei Artikel über die nichtarabischen Minderheiten Libyens verantwortlich, Tuareg und Berber. Während Gaddafi die Tuareg äußerst hochschätzte (»Libyen – Land der Tuareg«), ihnen in Libyen Zuflucht bot und sie fallweise im Sahel militärisch unterstützte, wurden die Berber Libyens offiziell verleugnet, jedenfalls bis zum ersten Berberkongress in Tripoli 2007. Leider wird nicht klar, was hier nun einfach notorische Sprunghaftigkeit des Revolutionsführers war, was später antikolonialer Reflex und was gewollte Repression. Beide Artikel leiden unter inneren Widersprüchen (so durften im ersten die Tuareg ihre Sprache nicht benutzen, im zweiten aber schon), der Berberartikel zudem unter einer extrem schmalen Quellenbasis.
Ein ähnliches Problem stellt sich auch im Beitrag des Herausgebers Edlinger zur Person Gaddafis, der sich allein auf ein einziges Treffen 1974, Schriften Gaddafis und auf das Buch der Journalistin Renate Poßarnig stützt. Edlinger ist dennoch bemüht, abseits von Vorstellungen wie Gaddafi sei keine »nach europäischen Denkmustern logische Persönlichkeit« (S.132) zu einer verlässlichen Einschätzung des Revolutions- und Staatsführers zu kommen.
Der irakische Diplomat Awni S. al-Ani, Leiter des UN-Entwicklungsbüros in Tripoli 1988-1992 und 1997-2001, beschreibt seine persönlichen Erfahrungen mit dem Land und seinen Behörden. Trotz des impressionistischen Stils finden sich hier wertvolle Informationen zur Funktionsweise der weiland Volksdschamahiria, den völkerrechtlichen Aspekten der Behandlung der Lockerbie-Affäre durch Libyen und zur überbordenden Korruption nach der Privatisierungswelle 2004, zweifellos einem der Auslöser des Aufstands von 2011.
Das Manko der Libyenforschung
Drei Beiträge beschäftigen sich nur indirekt mit Libyen. Peter Strutinsky vom Kasseler Friedensratschlag analysiert die völkerrechtlichen Aspekte der Politik der »humanitären Intervention« und Deutschlands neue Rolle in internationalen Kriegen. Der Artikel von Stefan Brocza beschreibt die europäische Mittelmeerpolitik seit 1957. Was diese Politik so inadäquat erscheinen lässt, ist die offensichtliche Unmöglichkeit (oder fehlende Absicht), gemeinschaftliche außenpolitische Ziele abseits von den Sonderinteressen der Mitglieder und der USA zu formulieren. Die Journalistin Karin Leukefeld kritisiert die neuerliche Vereinnahmung der Medien durch die westlichen Kriegsinteressen im Fall Libyen, ohne sich allerdings der Grundsatzfrage zu stellen, warum sich Journalisten wieder einmal bereitwillig »einbetten« ließen.
Jens Bedszents Überblicksartikel, eine kursorische und stellenweise ungenaue Aufzählung von Fakten im Stil älterer Lexika (das Jahr des ersten US-Überfalls auf Libyen war 1986!), steht zumindest als Einleitung an der falschen Stelle – er nimmt einem fast die Lust zum Weiterlesen.
Insgesamt teilt der Band also das oft beklagte Manko der gesamten Libyenforschung, nämlich ungleichgewichtig zu sein und nur Teilaspekte abzudecken. Unverständlich ist die völlige Nichtbeachtung der zahlreichen italienischen Arbeiten zum Thema (der italienische Bibliotheksverbundkatalog bietet allein zum Stichwort »Gheddafi« 90 Titel). Eine kurze Zeittafel zur jüngeren Geschichte Libyens, die Texte der UN-Resolutionen 289 von 1949 (Staatsgründung Libyens) und 1973 von 2011 (Flugverbot) und eine überaus lesenswerte Kritik des österreichischen Rechtsphilosophen und UN-Beraters Hans Köchler an der fatalen Flugverbotsresolution ergänzen ein Buch, das man leider nicht in allen seinen Teilen empfehlen kann.
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