Und Kienzle, so scheint es, muss es wissen, denn er war in den 1970er und 1980er Jahren lange Jahre Nahost-Korrespondent der ARD mit Sitz in Beirut und dann in Kairo. Zu seinen Interviewpartnern zählten Gaddafi, Sadat, Saddam Hussein und die meisten prominenten libanesischen Politiker dieser Zeit. Hellhörig macht zudem die immer wieder aufblitzende milde Medienschelte, denn Kienzle war ja in entscheidenden Jahren selbst eine Schlüsselfigur der deutschen Nahostberichterstattung.
Das Buch hat mit fünf der 16 Kurzkapitel einen eindeutigen Schwerpunkt im Libanon und besonders im libanesischen Bürgerkrieg der Jahre ab 1975. Am Rand gibt es etwas Libyen, eine kräftige Portion Ägypten, ein wenig Syrien, ein wenig Irak und einen Rundumschlag über die arabische Halbinsel von den Golfemiraten bis zu den Saudis. Die arabischen Revolutionen und Revolten von 2011, das sei hier vorweggenommen, werden nur im letzten Kapitel gestreift – allerdings ist die Darstellung der 1970er und 1980er Jahre in allen Kapiteln oft deutlich vom Wissen des Jahres 2011 gelenkt.
Kienzle war meiner Rechnung nach der erste, der Gerhard Konzelmann selig bei einem seiner notorischen Plagiate erwischte, 1985, noch vor Gernot Rotter. Wer den Abschnitt über Kienzles erste Zeit in Beirut aufmerksam liest (S.58-61), kann noch einiges mehr über Konzelmanns unsaubere Arbeitsmethoden erfahren – und vielleicht auch etwas über den Anlass für die Abneigung des jüngeren Kollegen. Denn dass Kienzle wegen dieser wohl hauptsächlich persönlichen Distanz dem Ungeist der traditionellen deutschen Nahostberichterstattung, der Erbschaft der Konzelmanns oder Scholl-Latours, intellektuell wirklich so fern stünde, lässt sich nicht behaupten.
Die Probe ist schnell gemacht. Der frühere zyprische Staatspräsident Erzbischof Makarios – nicht gerade ein Araber – war ein »verschlagener gerissener Machtpolitiker«, Muammar al-Gaddafi 1974 »raffiniert, unberechenbar und schlau« und 2011 ein »gewöhnlicher arabischer Diktator«, Hafiz al-Assad der »taktisch raffinierteste arabische Herrscher«, der »seine Rivalen reihenweise ermorden ließ«, Gamal Abd al-Nasser »intrigant, misstrauisch und skrupellos«, während der Emir von Katar sich als »schlauer Fuchs« erweist und bei den »Gerontokraten« in Saudi-Arabien »Finsteres Mittelalter« herrscht. Letzteres mit einem Artikel aus Vanity Fair als Beleg.
Bei Kienzle überwiegt, auch sonst nicht zu übersehen, eine fatale Neigung zur groben, holzschnittartigen Personalisierung von Politik. Machtpolitische Strukturen über Familie und »Clan« hinaus, außenpolitische Zwänge (wie etwa die israelische Bedrohung des Libanon) oder wirtschaftliche Probleme sind, freundlich ausgedrückt, nicht seine Sache. Dass er das komplexe politische System des Libanon (»Republik der Mafiosi«) und dessen Weg in den Bürgerkrieg ebenso wenig verstanden hat wie die schnell wechselnden Fronten im Krieg oder andere Krisen in der arabischen Welt, liegt damit auf der Hand. Und man gewinnt den Eindruck, dass ihn das eigentlich auch gar nicht so fürchterlich interessiert hat.