Anders als die meisten Journalisten zeigt sich der Autor wenig überrascht vom Ausbruch der Aufstände 2011, denn ein starker Veränderungsdruck war seit langem spürbar. Überalterung und Korruption der Führungsschichten, undemokratische Herrschaftsmethoden bei gleichzeitiger Entstehung einer selbstbewussten städtischen Mittelschicht durch wachsende wirtschaftliche Freiheit und zunehmende Bildung waren Charakteristika vieler arabischer Staaten. Dazu kamen Massen von jungen Leuten, denen die hohe Arbeitslosigkeit jede Lebensperspektive raubt. Die neue Informationsfreiheit über Internet oder den Sender al-Jazeera war damit nur noch der letzte Anstoß in Richtung auf eine radikale Veränderung.
Perthes warnt bei allen Ähnlichkeiten zwischen Maskat und Marrakesch aber zu Recht davor, die Unterschiede unter den Umstürzen des vergangenen Jahres zu übersehen. Vom subventionierten Brotpreis abhängige Arme gab (und gibt) es in Tunesien und Ägypten, nicht aber in Libyen; konfessionelle Spannungen gibt es in Bahrain, nicht aber in Marokko. Und auch das Internet spielte nicht überall dieselbe Rolle, einfach weil der Anteil seiner Nutzer so unterschiedlich hoch ist.
Dieser erste beschreibende Teil ist klug und überschaubar aufgebaut. Auf ein Einleitungskapitel, das Gemeinsamkeiten und Probleme aufzeigt, folgen chronologisch nach dem Ausbruch der Unruhen aufgereiht Länderartikel zu Tunesien, Ägypten, Libyen, Jemen, Bahrain, Marokko und Syrien. Jeder Artikel zeigt zuerst die Charakteristika des jeweiligen Landes, bevor er übersichtlich und auf die Hauptlinien konzentriert den Ablauf bis zum Herbst 2011 schildert. Ein weiteres Kapitel untersucht die Gründe, warum es in anderen arabischen Ländern nicht zu Aufständen gekommen ist wie in den meisten Golfmonarchien.
Die Länderartikel sind erfreulich qualitätvoll und weitgehend auf derselben Höhe, mit der Ausnahme Libyen. Gaddafi ist auch bei Perthes der böse Araber schlechthin. Eine differenzierte oder gar in die Tiefe gehende Darstellung der Besonderheiten des Landes, des politischen Systems oder der Aufstandsursachen fehlt. Die NATO-Intervention wird mit ein paar technischen Gründen als unvermeidlich abgetan.